[Buchrezension] Das Leben geht weiter – überSleben

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Wie geht das Leben nach dem Tod des Kindes weiter?

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Der Verein Whisper von Soul e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, den Verlust des eigenen Kindes nicht verstummen zu lassen. Das neueste Projekt nahm vor etwa einem Jahr Fahrt auf. Per Zufall las ich einen Aufruf, dass Autoren gesucht werden, die ein oder mehrere Kinder verloren haben und erzählen wollen, wie sie nach der Trauer wieder ins Leben gefunden haben und welche Perspektiven sich ergeben. Ein Mutmachbuch sozusagen.

Ich habe mich daraufhin entschieden, nicht im Kämmerlein mit meinem Schicksal zu bleiben, sondern meine Lebensgeschichte öffentlich zu machen und zu zeigen, wie ich mich nach dem Tod von Fynn aus dem tiefsten Loch meines Lebens rausgeschafft habe. Meine Geschichte könnt ihr ab Seite 101 im Buch nachlesen.

Seit 25. Juni 2020 ist es im Buchhandel erhältlich und ich war schon ganz gespannt auf die Geschichten der anderen 35 trauernden Eltern. Gleich vorab: Das Buch berührt und bewegt. Es ist keine leichte Urlaubslektüre, sondern harter Tobak.

Nach dem Tod eines Kindes

Ein Kind stirbt. Durch eine Krankheit, einen Unfall oder einen Suizid. Für die Eltern und Geschwister tut sich ein endlos erscheinender Abgrund auf. Fallen bis ins Bodenlose. Gefangen in einem Tunnel ohne Licht und Orientierung. Allein, einsam, verlassen. Mut- und Kraftlos. Teilweise mit schweren Schuldgefühlen.

Nun bräuchte man eine Anleitung, wie man vorgeht, die gibt es aber nicht. Jeder muss selbst den Weg durch den Schmerz und das Leid finden. Dabei sind viele Steine und Stolperfallen zu bewältigen.

Das Buch erzählt die Geschichten des Schicksalsschlags, den Drahtseilakt zwischen Leid und Sinnfindung. Aber es macht auch Mut, wie man zurück ins Leben findet. ÜBER(s)LEBEN. Viele nehmen die Hilfe von Psychologen in Anspruch. Den Weg muss dennoch jeder selber finden. Gabriele G. schreibt auf ihrem Blog trauerumflorian.blogspot.com, um alles zu verarbeiten. Ina M. hat das Buch „Tagebuch einer Sehnsucht: Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor“ veröffentlicht, Iris P. engagiert sich bei TREES of MEMORY e.V. und ich blogge und reise (um nur wenige Beispiele zu nennen).

Haben die Texte eine Gemeinsamkeit?

Über den Verlust des Kindes hinaus, haben die Texte einige Gemeinsamkeiten. Einig sind sich alle verwaisten Familien, dass Sprüche wie „Das wird schon wieder„, „Jetzt muss es doch endlich mal gut sein mit der Trauer, es ist doch schon so lange her“ oder „Du musst jetzt stark sein“ absolut unpassend sind.

Zusätzlich schmerzt es, wenn Freunde und Bekannte sich abwenden oder sogar die Straßenseite wechseln. Sie wollen nicht mit dem Tod konfrontiert werden und haben keine Strategie, wie man mit trauernden Eltern und Kindern umgeht – einerseits verständlich, andererseits unverständlich, denn es kann jeden von uns treffen und man sollte versuchen, sich empathisch in diese Situation zu fühlen. Tröstlich ist es, einfach nur in den Arm genommen zu werden. „Ich weiß nicht was ich sagen soll“ ist ehrlicher und tröstender als ein gut gemeinter Spruch oder Ratschlag.

Ich gab dir Wurzeln, du nahmst dir Flügel.

Du warst meine Inspiration und meine Krafttankstelle. Mein Herz ist erfüllt von deinem Lachen und deiner Liebe.

Du bist gegangen, aber unsere Liebe bleibt die Brücke zueinander. Bis wir uns wiedersehen und in die Arme nehmen.

(Ver)Schweigen steigert den Schmerz

Fast alle verwaisten Familien wollen reden. Vielleicht nicht gleich im ersten Schock, aber sie wollen das Andenken an das Kind aufrecht erhalten. Sie wollen es über den Tod hinaus lebendig sein lassen. Daher sind Familie, Freunde, Bekannte, aber auch Mitschüler ein wichtiger Bestandteil zur Trauerbewältigung. Man will erzählen wie es war, als das Kind noch lebte. Vergessen ist ein zweiter Tod.

Es ist ein Irrglaube, dass der Schmerz irgendwann vergeht. Die Zeit heilt keine Wunden. Die Wunden sind allgegenwärtig. Sie vernarben mit der Zeit, aber sie sind dünnhäutig und können jederzeit wieder aufbrechen. Ohne Vorankündigung. Der Schmerz, das Leid ist nicht beherrschbar, aber man kann lernen damit zu leben.

Richtig trauern, gibt es das?

Trauer ist individuell. Es gibt kein richtig oder falsch, darin sind sich alle Schreiberinnen einig. Die Berichte lesen sich flüssig und man merkt die Individualität. Manche vergraben sich tage- oder wochenlang und haben Angst vor der Begegnung mit Menschen, andere schreien ihre Trauer raus und einige gehen auf die Menschen zu und reden.

Verena Kast hat Trauerphasen beschrieben (nicht in diesem Buch), die jeder durchschreitet. Vom Nicht-wahrhaben-wollen über aufbrechende Emotionen und Suchen und sich trennen zum neuen Selbst- und Weltbezug. Wie lange die einzelnen Phasen dauern ist wiederum individuell. Auch wenn uns die Gesellschaft ein Trauerjahr vorgibt und Nichttrauernde durchaus meinen, dass „dann alles wieder gut sein müsste“, ist es eben nicht gut. Und es wird auch nie wieder gut, denn ein Kind sollte niemals vor seinen Eltern die Welt verlassen (müssen).

Veränderung

Der Mensch verändert sich mit dem Tod des Kindes. Nichts ist mehr wie vorher. Man hat ein Vorher-Leben und eine Nachher-Existenz. Anfangs versucht man einfach nur zu überleben. Man trennt sich von altem Ballast – teils geistig, teils körperlich, teils materiell. Freundschaften werden neu bewertet. Was nicht gut tut, was Gift verstreut wird aussortiert.

Wer meint, dass verwaiste Eltern irgendwann wieder wie vorher sein werden und funktionieren, dem sei gesagt, dass dieser Fall niemals eintreffen wird. Schlafstörungen, Panikattacken, Ängste, Überforderung mit alltäglichen Situationen bleiben Wegbegleiter. Fast alle Mütter beschreiben, dass sie sich in großen Menschengruppen nicht mehr wohl fühlen. Das sie nicht ertragen, wenn es zu laut um sie herum ist. Das sie ihre Rückzugsräume brauchen. Kraft tanken, auch wenn nach außen alles gut und gesund erscheint. Viele sind meisterhaft darin, anderen eine Maske zu zeigen. Bis zum Zusammenbruch. Und dieser kommt. Immer mal wieder.

Alle Familien leben bewußter. Sie versuchen das Leben zu genießen und nehmen Kleinigkeiten nicht mehr so wichtig. Die kleinen Puzzleteile des Glücks auf dem Weg werden aufgesammelt und wie ein Schatz gehütet, wo man vorher achtlos drüber lief oder sie zur Seite schob.

Verwaiste Mütter sehnen sich nach Menschen, die sie in schlechten Zeiten tragen ohne zu bevormunden. Ohne gut gemeinte Tipps. Ohne Ratschläge, denn Schläge tun nicht gut. Eine Schulter zum Anlehnen und Ausheulen, das braucht man. Laut schweigend.

Mein Beitrag

Ich habe ein Kapitel zu dem Buch beigetragen, denn auch ich habe ein Kind verloren. Das war eine Woche vor Weihnachten 2012. Ich wollte von Anfang an weiterleben und doch existierte ich nur. Ich funktionierte, aber ich lebte nicht. Ich habe meine Strategie gefunden. Doch noch heute habe ich meine Tiefs, meine Heulphasen. Steuern lassen diese sich nicht. Sie kommen einfach irgendwann. Ganz besonders zu Festtagen/Geburtstag des Sohnes und zum Todestag, aber manchmal auch überraschend. Mitten im Sommer, wenn alle fröhlich und gut gelaunt sind.

Zum Glück habe ich Menschen um mich, die mich stützen und tragen. Die mitgelitten haben oder empathisch genug sind, sich reinzuspüren. Die mit mir schweigen, lachen, weinen und mich sein lassen, wie ich nun bin. Denn auch ich bin nicht mehr die alte Liane.

Ich habe neue Ziele gefunden. Reisen, mein Blog, backen, kochen. Und doch bin ich viel dünnhäutiger als früher und leicht am Rande meiner psychischen Grenzen. Dankbar bin ich für meine körperliche Gesundheit, die vieles ausgleicht. Ich suche mir täglich meine kleinen Glücksmomente. Ich kann mich über einen schönen Sonnenuntergang genauso freuen wie über eine herzliche Umarmung. Ich bin viel geduldiger geworden und lebe intensiver.

Nachzulesen ab Seite 101.

Fazit

Unbedingt lesen. Wer gründlich liest, wird wirklich etwas für’s Leben lernen. Das Buch ist nicht nur für verwaiste, trauernde Eltern und Geschwister geeignet, sondern auch für Menschen, die etwas über den Umgang mit diesen Menschen lernen wollen.

Man sollte sich unbedingt Taschentücher bereit legen. Einige Geschichten gehen extrem ans Herz. Ein Buch, dass man in Etappen lesen sollte. Gut dosiert.

Außerdem empfehle ich die anderen Bücher der Autorengruppe. Mir hat das Buch „Voll doof tot zu sein, wenn alle traurig sind“ in der ersten Zeit geholfen. Ich sah, dass ich mit meinem Schicksal nicht alleine war.

Alle Tantiemen, die durch den Verkauf dieses und der anderen Bücher von Whisper von Soul e.V. erwirtschaftet werden, werden gemeinnützig gespendet. Wo das Geld bisher hinging, kann man auf der Homepage WhispervonSoul nachlesen.

Danke

  • Vielen Dank an alle fleißigen Helfer vom Verein Whisper von Soul e.V., die sehr viel Energie in die Verwirklichung dieses Projekts gesteckt haben. Jede teilnehmende Mutter hat ein Buch kostenlos zugeschickt bekommen, dass per Hand verpackt, adressiert und frankiert wurde.
  • Mein Dank geht an meinen Mann, der mich erst kennenlernte, als ich anfing den Sumpf der Sinnlosigkeit zu durchschreiten und der es nicht nur mit mir und meinen Marotten aushält, sondern mir vor kurzem das Ja-Wort gab. Mein Fels in der Brandung.
  • Vielen Dank an alle meine Freunde. Ihr seid unbezahlbar und die besten auf der ganzen Welt. Ohne euch hätte ich es nicht geschafft. Ihr habt mir ein Heim in euren Herzen gegeben und ihr habt eines in meinem.
  • Danke an meine Psychologin, die mit mir geweint hat und mir keine Wege vorgab, sondern mich selber meinen Weg finden ließ.
  • Danke an die Menschen, die mir guttun und doch nur kurz in mein Leben traten. Danke an alle, die mich mit Spenden unterstützten, damit ich Fynn ein ordentliches Grab geben konnte. Ich habe euch nicht vergessen, auch wenn wir teilweise nicht mehr in Kontakt sind.
  • Danke an Fynns Freunde und Schulkameraden, die mir mehr gegeben haben, als sie vermuten. Ihr seid immer willkommen.
  • Danke an Fynn. Danke, dass ich deine Mama sein durfte. Danke für deine Liebe, dein Lachen, deinen Duft, deine Begeisterungsfähigkeit. Du hast mich mit deinen Backkünsten inspiriert. Ich fühle, dass du bei mir bist. Mein Engel, mein Schutzengel. Du bist die Liebe meines Lebens, für immer unvergessen. Ich sehe dich, wenn ich dich brauche. Ich lebe nicht ohne dich weiter, ich lebe mit dir und für dich weiter.

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12 Gedanken zu „[Buchrezension] Das Leben geht weiter – überSleben

  1. Puh, jetzt muss ich erstmal tief durchatmen. Deine Wort berühren mich sehr und sorgten für Gänsehaut. Denn diese Frage habe ich mir schon oft gestellt, gibt es etwas Schlimmeres als das eigene Kind beerdigen zu müssen?
    Ich denke auch, es ist ein Schmerz, der nie aufhört.

    Liebe Grüße, Katja

  2. Liebe Liane, ich habe Gänsehaut und ziehe meinen Hut vor deiner Kraft, ganz ganz groß – Chapeau. Ich glaube du kannst mit deinem Umgang zu diesem traurigen Thema Menschen in dieser schwierigen Zeit helfen, umso wichtiger, dass darüber gesprochen wird.

    Ich schick dir ganz liebe Grüße aus der Ferne,
    Isabelle

  3. Liebe Liane
    ich bewundere, wie offen du mit diesem (Tabu-) Thema umgehen kannst und ich mag mir gar nicht vorstellen was du alles durchgemacht hast, bis du an diesen Punkt gekommen bist. Ich würde dich allein dafür gern einfach einmal in den Arm nehmen. Mir kamen schon beim Lesen deiner Rezension die Tränen.
    Ganz liebe Grüße
    Gabriela

  4. Vor 9 Jahren hat die 16jährige Tochter von Freunden Suizid begangen nach jahrelangem Kampf mit der Magersucht. Eine Tragödie, die wir hautnah miterlebt haben und die noch heute nachwirkt . Ich selbst habe zwei Brüder verloren mit 5 und 18 Jahren. Auch als Schwester ist das lebensbestimmend durch die Trauer der Eltern. Früher gab es auch überhaupt noch keine Trauerbegleitung. Es war eher ein Tabuthema. Blogs, Reisen, Selbsthilfegruppen? Fehlanzeige. Heute wird damit viel offener umgegangen und mehr Hilfe angeboten.
    Sich seine Trauer von der Seele zu schreiben ist eine gute Sache. LG Sigrid

    1. Wie sehr Geschwister leiden, kann ich mir nur im Ansatz vorstellen. Auch darüber hat der Verein Whisper von Soul schon ein Buch veröffentlicht.
      Für Kinder muss es schlimm sein, wie sehr sich nicht nur das eigene Verhältnis ändert, sondern auch noch die Eltern. Deren Umgang miteinander, mit den nicht verstorbenen Kindern und mit sich selbst.
      Zum Glück gibt es inzwischen Trauerbegleitung.
      Für dich war das damals sicher nicht einfach, Sigrid.

      Liebe Grüße
      Liane

    2. Stimmt. Mit mir wurde nie über den Tod des ersten Bruders geredet. Da war ich 6 Jahre alt. Alles wurde tabuisiert. Beim zweiten Bruder war ich 34 und er 18 Jahre. War wie ein eigenes Kind. Meine Mutter hat das nie richtig verarbeitet und richtig getrauert. Ein Jahr später bekam ich mein erstes Kind. Das war ein großer Trost und Lichtblick für meine Eltern.
      Schönes Wochenende, liebe Grüße, Sigrid

  5. Liebe Liane,
    Ich weiß tatsächlich nicht, was ich sagen soll…trotzdem muss ich Dir schreiben. Ich sitze weinend über Deinen Zeilen und bewundere Deine Kraft. Die Tochter meines Cousins ist auch vor wenigen Wochen bei einem tragischen Unfall verstorben – wir hatten schon darüber gesprochen. Seither ist nichts mehr, wie es war und es wird auch keinen Alltag mehr geben.
    Ich drücke Dich ganz fest aus der Ferne.
    Herzliche Grüße,
    Sanne

    1. Ganz lieben Dank für Deine Zeilen, liebe Sanne. Nichts sagen ist ok. Solche Berichte machen sprachlos. Selbst mich. Aber alles ist immer noch ehrlicher und besser, als eine Floskel. Die hilft nämlich gar nicht.

      Vielleicht magst du Deinem Cousin das Buch ja empfehlen oder schenken. Es hilft durchaus zu lesen, dass man nicht alleine ist und das man Wege aus der Krise finden kann. Jeder seinen eigenen. Aber vielleicht ist genau die richtige Inspiration für die Familie dabei.

      Liebe Grüße
      Liane

Hau in die Tasten! Ich freue mich sehr über einen konstruktiven Text von dir.

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