Die deutsch-deutsche Grenze – Meine persönlichen Erfahrungen

Grenzen als Orientierung

Bereits Babys und Kleinkindern setzt man Grenzen. Man will sie beschützen und ihnen einen Leitfaden für das Leben mitgeben. Mit zunehmenden Alter verschieben sich die Grenzen, denn die Lebenserfahrungen spielen eine große Rolle. Als Hebamme sehe ich Familien, die ihre Kinder mehr oder weniger grenzenlos erziehen und diesen Kinder fehlt eine wichtige Orientierung. Kinder fordern Grenzen. Sie brauchen diese ganz dringend.

Doch wie geht es uns Erwachsenen mit Grenzen? Grenzen im Kopf oder in der Realität? Dieses Jahr haben wir alle gespürt, wie es sich anfühlt, wenn man von der Regierung Grenzen vorgegeben bekommt. Reisefreiheit in die ganze Welt? – das war einmal. Wer weiß, ob oder wann diese jemals wieder kommen wird….

Ich bin Ende der 60er Jahre geboren und somit im geteilten Deutschland aufgewachsen. Für mich gab es die Bundesrepublik Deutschland und die DDR. Zwei Länder, eine gemeinsame Sprache, zwei ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen.

„Ihr wart im Westen frei und konntet überall hinreisen, ihr hattet alles und konntet alles kaufen“ – ein Vorwurf, den ich sogar heute noch manchmal zu hören bekomme. Doch letztlich konnten wir auch nicht überall hin, denn:

Die Grenzen des einen sind auch die Grenzen des anderen!

Warum ich darüber schreibe? Aus zwei Gründen: Zum einen war ich gerade in Leipzig im Museum in der runden Ecke und wurde mit der Vergangenheit des DDR-Regimes konfrontiert und zum anderen, weil ich gerade den Aufruf von Janetts Teilzeitreisenden-Blog zum Thema Grenzen anlässlich des 30ten Jahrestags der Wiedervereinigung entdeckt habe.

Verwandtenbesuch in der DDR

Mein Vater wurde in Masuren (heute Polen), in Heidig/Hejdyk geboren und wuchs dort mit zwei Brüdern in den Zeiten des 2. Weltkriegs auf. Nach dem Krieg wurde die Familie vertrieben und enteignet und floh in den Harz, nach Blankenburg. Kurz bevor die Mauer gebaut wurde, zog es meinen Vater beruflich nach Essen. Sein Glück. Denn der Rest der Familie – Eltern und Brüder – blieben im Osten, die Mauer wurde gebaut, die Grenzzäune wurden hochgezogen, die Übergänge geschlossen und die Verwandten waren auf einmal unerreichbar.

Papa lernte meine Mutter kennen und zog nach Nordhessen, wo meine Schwester und ich geboren wurden und aufwuchsen. Wir waren also auf der vermeintlich „reichen“ Seite, in Westdeutschland.

Im Westen gab es alles. Seife und Kaffee, Tapeten und Baumaterial, schicke Kleidung… Aber meine Eltern mussten jeden Pfennig umdrehen. Klassisch arbeitet nämlich nur mein Vater und ernährte mit seinem Gehalt die Familie. Theoretisch hätten wir alles kaufen können, praktisch hatten wir das Geld nicht dafür. Wir trugen nicht die angesagten Jeans, sondern Mama nähte uns die Kleider selbst und wenn wir langsam rauswuchsen, wurden sie mit Spitze nochmal verlängert. Ich als jüngere Schwester durfte die Sachen der Schwester auftragen. Ich war so stolz, als ich endlich die Größe meiner Schwester ein- und überholte, denn nun bekam auch ich mal neue Sachen.

Etwas, was unsere Verwandten nicht nachvollziehen konnten und wollten, denn dort arbeiteten beide Ehepartner. Sie hatten das Geld, aber die Geschäfte waren leer. Daher wurden gerne Bittbriefe geschrieben, was wir schicken sollten. Und oft erhielten die Cousinen die coolen Klamotten. Man gönnte ihnen die Freude, die Paket auszupacken, aber als Kind war auch schon mal Neid im Spiel, weil man selbst nicht mit den Klassenkameraden mithalten konnte. Dafür erhielten wir aus der DDR tolle Kinderbücher. Die verschlangen wir immer sofort.

Natürlich sollten wir unsere ostdeutsche Verwandtschaft kennenlernen, die inzwischen aus den Großeltern, den Brüdern mit ihren Ehefrauen und jeweils 2 Kindern bestand.

Also wurde ein Antrag auf Besuch gestellt. Das musste jedesmal wieder neu beantragt werden. Da Nordhessen genau wie das Harzgebiet um den Brocken zum Grenzgebiet gehörte, war das alles nicht so einfach. Man bekam vorgeschrieben, welchen Grenzübergang man benutzen musste, was man einführen durfte und was auf gar keinen Fall.

Ich war ein lebendiges Kind. Da meine Eltern Angst hatten, dass ich was falsches sagen könnte, schärften sie uns bereits lange vor der Reise ein, ab der Grenze möglichst zu schweigen. Man wusste, dass Telefone abgehört wurden, das die Brief- und Paketpost durchleuchtet wurde und man vermutete, dass auch die Wohnungen der Verwandten verwanzt sein könnten.

Der Todesstreifen Anfang der 80er Jahre in der Nähe von Bad Soden-Allendorf.

Angst am Grenzübergang

Da die Straßen der DDR im Harz überwiegend aus Kopfsteinpflaster bestanden, widersetzte sich mein Vater der behördlichen Anordnung, dass wir den großen Grenzübergang Helmstedt nehmen müssten und fuhr bis Duderstadt, damit wir möglichst lange auf den geteerten Straßen der Bundesrepublik Deutschland fahren konnten. Das wurde geduldet.

Mir wurde bei jedem Besuch im Osten ab kurz vor der Grenze mulmig. Ein Kloß im Hals und ein erhöhter Herzschlag – daran erinnere ich mich. Ich sehe noch heute die Grenzhäuschen und die gestrengen Volkspolizisten vor meinem inneren Auge. Man wusste immer, der Grenzübertritt dauert. Also mit dem Wagen in eine Schlange einreihen und warten. Irgendwann war man dran. Man gab seine Pässe ab, die in eine rote Tasche gesteckt wurden. Diese Tasche wurde auf ein Förderband gestellt und dann verschwanden sie im Inneren des Grenzhäuschens. Sehen konnte man dort niemanden. Alles war abgeschottet. Was mit den Ausweisen geschah, wusste man nicht.

In der Zwischenzeit mussten alle aus dem Auto aussteigen. Mit Spiegeln wurde unter das Chassis geschaut, mit einer Stange im Tank rumgestochert. Der Kofferraum musste komplett geleert werden, alle Abdeckungen abheben.

Erinnerung: Wir hatten ein neues Auto bekommen. Ein grasgrüner VW Passat. Gleiches Prozedere wie jedes Mal. Doch dann fiel dem hageren Grenzschützer ein, man müsse mal unter die Rückbank schauen, ob wir nicht eine Person in die DDR schmuggeln wollten. Er forderte meine Eltern auf, die Rückbank zu entfernen. Keiner wusste wie das geht. Der Zöllner wurde immer unwirscher. Sicher dachte er, wir würden tatsächlich dort jemand oder etwas verbotenes versteckt haben. Meine Mutter fing an zu weinen, wir Kinder auch. Irgendwie schaffte es mein Vater nach einer halben Ewigkeit die Rückbank zumindest anzuheben. Erst dann durften wir alles wieder einräumen und einsteigen. Wir mussten dennoch auf die Seite fahren und warten. Erst Stunden später erhielten wir die Ausweise zurück und durften weiter fahren.

Zum Abschluss kam noch der obligatorische Pflichtumtausch der D-Mark in Ostmark. Kaufen konnte man damit eigentlich nichts bei den Tagesausflügen. Vieles durfte ja auch nicht ausgeführt werden. So ließen wir das Geld meist bei den Verwandten aufbewahren (denn eine Mitnahme in die BRD oder Rücktausch war verboten), um beim nächsten Besuch gemeinsam essen zu gehen oder den Cousinen und Cousins Süßigkeiten zu kaufen.

Mit der Zeit kannte man bereits einige Grenzsoldaten. Es gab dort einen rothaarigen, etwas rundlichen Beamten, der immer sehr freundlich war. Er machte auch mal ein Späßchen mit uns Kindern. Wenn wir diesen von weitem sahen, versuchten wir immer in diese Warteschlange zu kommen.

Am schlimmsten waren immer die Frauen. Man wusste, die filzen ganz besonders gründlich. Den Damen kam nie ein nettes Wort über die Lippen. Die hatten es drauf, immer ein ernstes Gesicht zu machen, in dem man keinerlei weitere Mimik erkennen konnte. Die meisten waren groß, schlank und durchtrainiert. Noch mehr profilieren mussten sich die wenigen kleinen Damen. Leider klappte es nicht immer, diese Personen zu meiden. Die Angst bei einer Kontrolle durch sie war besonders groß.

Unerlaubterweise „schmuggelten“ wir gelegentlich Medi&Zini-Hefte für unsere Cousinen im Atlas durch die Kontrolle. Was daran so schlimm und republikfeindlich sein sollte, erschloss sich mir nie. Unsere Cousinen wollten die nur wegen der Poster haben.

Die Taktik des Schmuggelns: Was präsent herum liegt, wird nicht genauer angeschaut. Daher lag der Atlas immer auf der Hutablage. Die Furcht vor Entdeckung war aber immer da. „Nichts sagen und ja nicht Richtung Hutablage schauen“, war die Anweisung der Eltern. Als Kind gar nicht so einfach umzusetzen, ist doch gerade das Verbotene so verlockend.

War man endlich abgefertigt, konnte man sich etwas entspannen, aber das unbeschwerte Spielen und Toben trauten wir uns nie. Das die Spionage sogar bis in westdeutsche Wohnzimmer ging, war für uns unvorstellbar. Doch dazu nachher noch mehr.

Wo ist Mutti?

Das schlimmste Erlebnis an der Grenze muss in den 80er Jahren gewesen sein. Genau weiß ich es nicht mehr. Wir fuhren mal wieder in den Harz. Kurz vor der Grenze bat meine Mutter meinen Vater nochmal anzuhalten, da sie ein dringendes Bedürfnis verspürte. Dazu muss ich sagen, dass mein Vater Rasthöfe mied. Irgendwann tauchte eine verlassene Scheune auf und es wurde angehalten. Leider hatte es die Tage davor geregnet. Meine Mutter verzog sich hinter den Schuppen und trat in den Matsch. Die Halbschuhe waren eingesaut. Ersatzschuhe hatte sie nicht dabei. Sie hoffte, die Schuhe würden trocknen.

Als wir dann in Wernigerode waren, kaufte meine Mutter ein neues paar Schuhe. Braun mit weißen Schnürsenkeln. Sie wollte nicht den ganzen Tag in den nassen Schuhen stecken und da eine meiner Cousinen die gleiche Schuhgröße hatte, wollte meine Mutter die Treter später dalassen. Natürlich wurde das im Aufbruch am Spätnachmittag vergessen.

Wir kamen zum Grenzübergang, gaben die Pässe ab, das Auto wurde durchsucht und soweit alles in Ordnung. Der Grenzer wünschte uns bereits eine gute Fahrt als er ins Stocken kam. „Haben sie nicht doch etwas unerlaubtes dabei, das sie nicht ausführen dürfen?“, fragte er meine Eltern. „Nein“, war die Antwort, denn keiner dachte an die Schuhe. „Sind sie sicher?“ Klar schwante meinen Eltern, dass er auf etwas bestimmtes hinaus wollte, aber ihnen fiel nichts ein. „Ganz sicher?“ war eine letzte Ansage, bevor er auf’s Thema kam. „Was tragen sie da für Schuhe?“

Meiner Mutter entwich die Farbe aus dem Gesicht. Sie erklärte das Mißgeschick vom Vormittag und das die Schuhe für meine Cousine gedacht waren. Sie zeigte ihm auch die matschigen Schuhe, doch das half alles nicht. Meine Mutter musste mit ins Kabuff. Mein Vater und wir standen nun da und wussten nicht, was passiert. Keiner informierte uns. Wir wurden nur aufgefordert, im Wagen zu bleiben und am Rand zu warten. Es vergingen Stunden. Selbst mein sonst so beherrschter Vater wurde immer nervöser. Nach vielen Stunden – inzwischen war die Nacht herein gebrochen – kam meine Mutter derangiert und auf Socken aus dem Häuschen heraus, begleitet vom Grenzbeamten, der uns noch empfahl, die nächsten 6 – 12 Monate keine Einreise in die DDR mehr zu erwägen.

Was Mutti erzählte

Doch was passierte hinter den geschlossenen Türen? Ich kann nur erzählen, was meine Mutter uns später darüber erzählte. Sie wurde in einen kahlen Raum geführt. Zwei Holzstühle, ein Tisch und eine lichtstarke Verhörlampe waren das einzige Mobiliar. Ein Vorgesetzter betrat mit einer Wachpolizistin den Raum. Der Grenzbeamte musste in der Ecke an der Tür stehen bleiben und diese sichern. Meiner Mutter wurde befohlen, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden. Das muss sehr schlimm für meine Mutter gewesen sein, sich vor fremden Männern zu entkleiden. „Es war so peinlich“, sagte sie.

Alle Taschen wurden durchsucht. Natürlich fanden sie sonst nichts. Dann musste sie die Geschichte mit den verschmutzten Schuhen und dem Schuhkauf erzählen. Immer wieder. Es muss wirklich wie im Film gewesen sein. Man leuchtete ihr mit der Lampe ins Gesicht. Sie durfte sich nicht vom Stuhl erheben, obwohl ihr irgendwann die Beine einschliefen und außerdem durfte nicht auf Toilette gehen, was wohl mit am schlimmsten war, denn bei Stress musste Mutti immer auf Toilette.

Mama bekam natürlich auch nichts zu essen oder trinken. Sie fing an zu weinen, was nur dazu führte, dass man noch strenger zu ihr war. Man versuchte sie zu manipulieren, dass sie sich in Wiedersprüche verstrickte. Aber sie blieb bei der Wahrheit.

Nach vielen Stunden kam wohl der oberste Boss der Grenze dazu. Auch ihm musste sie alles nochmal erzählen. Dieser sagte dann nur „Ich glaube ihnen. So standhaft ist selten jemand mit seiner Version, über Stunden das gleiche zu erzählen. Sie haben diese absolut ehrliche Ausstrahlung. Ich genehmige ihnen, die DDR zu verlassen, aber kommen sie so schnell nicht wieder. Die Schuhe werden konfisziert.“ Der Grenzbeamte, der sie zuerst festgenommen hatte musste sie dann zu uns begleiten und sicher stellen, dass wir wirklich ausreisten. Wir hatten auch nichts anderes vor. Die Schuhe, erzählte der Zöllner ganz leise, wären nicht aufgefallen, wenn sie nicht diese leuchtend weißen Schnürsenkel gehabt hätten. Shit happens.

Keiner von uns wollte danach wieder einreisen. Die Angst, dass doch noch eine Verhaftung erfolgen würde, war zu groß. Als wir nach langer, langer Zeit dann doch wieder rüber fuhren, hatten wir für jeden ausgelatschte Ersatzschuhe dabei und sonst nur Sachen, die man einführen durfte und natürlich war das in der Akte vermerkt, denn das Auto wurde gründlichst auf den Kopf gestellt.

Bis dahin schickten wir fast nur noch Briefe und Paket zu unseren Verwandten. Ab und zu waren die Paket sichtbar geöffnet worden und gelegentlich fehlte die Packung Kaffee oder Kleidung für die Kinder.

Meine Großeltern durften nach mehreren Anträgen die Ostzone verlassen und wohnten dann bei uns in der Einliegerwohnung. Die Berufswünsche der Cousinen und des Cousins konnten wegen der Westverwandtschaft nicht umgesetzt werden. Mein Cousin hatte immer den Traum „Volkspolizist“ zu werden, eine Cousine hätte gerne studiert, aber auch das wurde verweigert.

Tante und Onkel stellten Anträge auf Besuch im Westen, um die Eltern – mein Großeltern – zu besuchen. Logisch, dass auch diese nicht genehmigt wurden. Erst kurz vor Öffnung der Grenzen wurde ein Antrag des Onkels auf Besuch im Westen genehmigt. Aber nur er allein durfte zur Goldenen Hochzeit seiner Eltern kommen. Flucht war sowieso nicht geplant, denn er fühlte sich an seinem Standort und mit seinem Beruf wohl. Auch heute wohnen die Verwandten noch alle im Osten.

Museum in der runden Ecke Leipzig

Mitte September waren wir in Leipzig. Wir besuchten das Stasi-Museum und mir kamen viele Erinnerungen hoch. Besonders der ausgestellte Spiegel, mit dem unter das Auto geschaut wurde und die roten Taschen, in denen die Pässe verschwanden beschleunigten meinen Puls und ich fühlte mich in meine Jugendzeit zurück versetzt.

Ein Audioguide führt durch die Ausstellung und man erhält viele Informationen. Wie perfide das System wirklich war, ließ mich als Besucher einige Male den Atem stocken. Ja klar wussten wir, dass die Briefe durchleuchtet wurden, dass es aber spezielle Geräte zum Öffnen und wieder verschließen gab, damit man das Eindringen in die Privatsphäre nicht mitbekam, dass war mir bis dato nicht klar.

Teilweise wurden West-Pakete mit Endoskopen untersucht. Poststempel wurden gefälscht. Westmark wurden in Millionenhöhe den Briefen und Päckchen entnommen. Ein einträgliches Geschäft eines korrupten Staates, besonders zur Weihnachtszeit.

Als ich mir den Nachbau einer Gefängniszelle anschaute war ich sehr dankbar, dass das meiner Mutter erspart geblieben war. Sie wäre sicher daran zerbrochen.

Ich kann jedem einen Besuch im Stasi-Museum empfehlen, um zu sehen, mit welcher Vergangenheit wir heute noch zu kämpfen haben.

Mein erster Besuch im Osten nach der Wende

Die Grenzerlebnisse haben mich gesprägt. Ich freute mich einerseits, als die Mauer fiel, andererseits hatte ich aber auch Angst, dass dies nur von kurzer Dauer wäre. Obwohl viele Menschen sofort die Chance nutzten, von Ost nach West oder von West nach Ost zu reisen, weigerte ich mich jahrelang. Ich wollte nicht im Osten sein, mit der Gefahr, dass die Grenzen wieder dicht gemacht würden. Zu tief saß das alles.

Erst mehr als 20 Jahre nach der Grenzöffnung fuhr ich in den Osten Deutschlands, weil mein Patenkind getauft wurde. Die Fahrt durch Thüringen, ohne noch Grenzanlagen zu sehen, überzeugte mich nun endlich, die „Ostzone“ näher zu erkunden. So kam es, dass ich mich mit einer Freundin verabredete, um Leipzig zu erkunden. Siehe da, so anders war es dort auch nicht. Die Menschen waren offen und freundlich. Ich verliebte mich sofort in die sächsische Metropole und ließ einen Teil meines Herzens dort.

Seitdem war ich mehrfach in den sogenannten neuen Bundesländern. Ein blöder Ausdruck, der sicher nicht dazu führt, dass die Grenzen in unseren Köpfen abgebaut werden.

Die Grenzanlagen sind fast überall abgebaut. Der Todesstreifen ist Vergangenheit, die Wachtürme und die Patrouillen ebenso. Und das ist gut so! Aber es ist auch gut, dass es noch Stationen gibt, die an die Vergangenheit erinnern.

Eines Tages möchte ich vielleicht doch mal Einsicht in meine Akte der Gauck-Behörde nehmen, falls diese nicht dem Schreddern nach dem Fall der Mauer zum Opfer gefallen ist. Die Behörde befindet sich übrigens im gleichen Gebäude, wie das Stasi-Museum. Man muss sich allerdings einen Termin geben lassen.

Heute

Heute habe ich meinen Frieden mit der Trennung und Wiedervereinigung gemacht. Auf beiden Seiten gab es Gutes und Schlechtes. Beide Seiten konnten voneinander lernen und profitieren. Ich finde das Kinderbetreuungsystem der DDR, wo es jede Menge Krippenplätze gab, genial und bin froh, dass Mütter heute nicht mehr zu Hause bleiben müssen, wenn sie das nicht wollen.

Ich habe mich mit dem Grünpfeil angefreundet, bin aber froh, dass die stinkigen Trabis Seltenheitswert haben. 12 Jahre auf eine Auto zu warten – unvorstellbar.

Wir haben Freunde aus dem und im Osten. Und im und aus dem Westen, dem Norden, dem Süden. Es sind einfach Menschen. Es sind weder nörgelnde Ossis noch Besser-Wessis, denn überall gibt es nette Leute und Deppen. Eines Tages wird es nur noch die Generation geben, die im vereinigten Deutschland aufgewachsen ist und dann ist das Thema hoffentlich endlich durch.

Was hast du für Erfahrungen mit Grenzen jeglicher Art gemacht? Wie ist deine Meinung? Auf welcher Seite der deutsch-deutschen Grenze bist du groß geworden oder bist du erst nach der Wiedervereinigung geboren? Hinterlasse mir gerne deine Meinung als Kommentar oder per Mail.

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24 Gedanken zu „Die deutsch-deutsche Grenze – Meine persönlichen Erfahrungen

  1. Was für ein spannender Beitrag, liebe Liane. Hab ich grad verschlungen! Schikane und das mulmige Gefühl an der Grenze kenne ich auch. Aber Deine arme Mutter. Heftig.

  2. Liebe Liane,
    Danke für diese spannende Geschichtsstunde! Ich bin ja ganz im Süden aufgewachsen und habe die Grenze nur ein einziges Mal erlebt – im Schullandheim im Harz. Dort hatten wir eine Grenzwanderung. Dafür haben wir uns jetzt mit den Teenies ausgiebig mit der Geschichte der Teilung Deutschlands auseinandergesetzt. Und Berlin unter diesem Aspekt erkundet.
    Viele Grüße,
    Sanne

  3. Ich bin, glaube ich, in der glücklichen Lage gewesen zur damaligen Zeit das Berlin und auch die DDR „weit weg“ war für mich. Mit Baujahr ’72 hab ich das zwar logischerweise schon bewusst mitbekommen und wusste worum es geht irgendwann, aber Berührungspunkte hatte ich nur ein einziges Mal – auf einer Klassenfahrt nach Berlin, wo wir einen Tag auf über die Grenze durften. Es war ein komisches Gefühl damals, eines, was man so nicht wirklich braucht. Zum Glück gehört das der Vergangenheit an … nur in den Köpfen einiger Leute nicht.

  4. Glücklicherweise ist es schon 30 Jahre her und trotzdem sind viele Erinnerungen von damals noch präsent.
    Damals war die Innerdeutsche Grenze Teil und Pflichtprogramm der Schule, heute ist sie glücklicherweise ein grüner Streifen und damit Wandergebiet.
    Ich finde in der kleinen Ortschaft Mödereuth ist beides noch deutlich zu sehen und als Museum aufgehoben.
    Ein Mahnmal aus der Vergangenheit.

    Viele Grüße, Katja

  5. Liebe Liane,
    das ist jetzt die zweite Grenzgeschichte, die ich lese im Rahmen der Aktion. Ich wurde gleich zu Beginn der 80er eingeschult und bin daher auch mit dem geteilten Deutschland groß geworden. Ich hatte keine Verwandschaft im Osten. Somit hat es uns auch damals nie wirklich in die DDR gezogen.
    In der 11. Klasse war eine Klassenfahrt nach Berlin + Abstecher in die DDR geplant. Doch dann kam die Grenzöffnung… 😉 Damit ist dann übrigens die ganze Klassenfahrt ausgefallen, da es eine Studienreise gewesen wäre, die dann keine Berechtigung mehr hatte. 😉
    Ich kann mich aber noch gut an den Tag erinnern, als die Grenze geöffnet wurde. Ich wurde morgens um 6 Uhr vom Wecker geweckt und in den Nachrichten hieß es, die Mauer ist seit heute Nacht geöffnet. Ich weiß noch, dass ich mich wahnsinnig gefreut habe, da ich auch alt genug war, um zu verfolgen, wie viele Menschen friedlich demonstrierten und in Prag saßen und immer mehr Menschen flüchteten. Auch heute habe ich immer noch einen Kloß im Hals, wenn ich an die Grenze von damals denke… und an den historischen und unglaublichen Moment der Öffnung.
    Liebe Grüße,
    Tanja

  6. ich kann deinen Beitrag so gut nachvollziehen, denn die Hälfte meiner Verwandtschaft lebte / lebt noch, im Osten. Als Kind kannte ich es gar nicht anders, als mindestens einmal im Jahr meinen Opa und meine Tante dort zu besuchen. Erst nur mit dem Zug und später durften wir dann ja mit dem Auto fahren. Immer mussten wir aufpassen, was wir an Geschenken mitnahmen, denn vieles war nicht gestattet. Vieles wurde uns willkürlich an der Grenze abgenommen und so mancher „Grenzer“ gab zu, dass er es einfach mitnehmen würde. Gut, dass das ein Ende hat, obwohl sich ja so mancher die Grenze zurück wünscht, wenn man mal die Medien durchliest. Auch wird vieles verklärt, die Zusammengehörigkeit… ja, die gab es. Aber auch das Ausspionieren…
    Trotzdem habe ich nach den vielen Jahren dort noch Freunde.
    Ich Frage mich halt immer wieder, ob die Grenzen im Kopf nicht schlimmer sind, als die für mich eigentlich unnötigen Grenzen auf der Welt.
    Liebe Grüße
    Gabriela

  7. Interessante die Erfahrungen von der „anderen“ Seite zu lesen.Wir hatten keine Verwandschaft im Westen,bzw.niemanden mit denen wir Kontakt hatten,das das ein prägendes Ereignis war kann ich mir vorstellen.

    Lg von da wo in Deutschland die Sonne zuerst aufgeht
    Ina

  8. Was für eine spannende Geschichte. Tatsächlich haben wir auch öfter mal Verwandtschaft in der DDR besucht und auch wir Kinder bekamen von unseren Eltern stets die strikte Anweisung, beim Grenzübergang absolut still zu sein. Es wurde sogar extra das Radio ausgestellt. Ich empfand den Grenzübergang immer sehr furchteinflößend. Obwohl wir zum Glück nie so ein Erlebnis hatten wie ihr. Ich kann mir nur annähernd vorstellen, wie schrecklich und beängstigend das gewesen sein muss.
    Als die Grenze dann fiel, konnten wir das erst gar nicht wirklich realisieren, wir hätten niemals damit gerechnet.
    Die Begriffe „alte“ und „neue Bundesländer“ finde ich nach 30 Jahren auch nicht mehr zeitgemäß. Denn ich fürchte, dass so die „Grenze in den Köpfen“ immer bestehen bleiben wird.

  9. Ja, jede Fahrt nach Ostberlin war mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Tage vorher konnte ich schon nicht mehr richtig schlafen. Wie man beim Grenzübergang behandelt wurde war einfach nur furchtbar. Das sich die Grenze noch einmal öffnen würde, war überhaupt nicht denkbar. Meine Verwandten leben heute immer noch in Berlin und
    Besuche sind heute sehr schön und entspannend, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, denn das Leben war schon sehr unterschiedlich in Ost und West.

    1. Ach, ich bin nicht die einzige, die dieses mulmige Gefühl noch heute verspürt, wenn man an die Grenzwillkür denkt. Danke. Ich dachte schon, es liegt nur an meiner HSP.

  10. Ich glaube, ich gehöre zur letzten Generation, die sich noch an den Mauerfall erinnern können. Ich war damals fünf – und da wir in Franken ziemlich nah „dran“ waren, erinnern sich meine gleichaltrigen Freunde aus Franken ebenfalls daran. Interessanterweise die, die weiter weg lebten, haben keinerlei Erinnerung daran. Bei mir gehört es zu den frühesten Erinnerungen.
    Wir haben gleich zu Beginn eine Familie aus Thüringen kennen gelernt (also wirklich zu der Zeit, als die Trabis bei uns auftauchten, weil die Leute bei uns einkauften) und seit 1990 war ich ständig mit meiner Familie irgendwo „im Osten“ (was von Bamberg aus betrachtet ein seeeehr seltsamer Ausdruck ist, schließlich fuhren wir einfach nur nach Norden).
    Für mich war von klein auf völlig normal, dass diese Grenze jetzt weg ist. Dass man da rüber fährt, einkauft, Ausflüge und Urlaub macht… ich erlebte auch, wie sich das im Lauf der 1990er Jahre veränderte. Und bis heute habe ich „den Geruch von DDR“ in der Nase, sofort ist die Assoziation da, wenn ich irgendwo rieche, dass jmd. mit Kohle heizt.

    Anders als du wohnten wir nicht so nah dran, dass wir die Grenze vorher gesehen hätten… ich bin also gleich sehr in diese „Verbundenheit“ der zwei Landesteile hineingewachsen und war immer überrascht, wenn ich hörte, wie viele Leute in Ost und West noch nie „drüben“ waren.

    1. Danke dir für diesen ausführlichen Kommentar.
      Ich musste schmunzeln, dass es für dich eine Reise „in den Norden“ war, aber klar ragte die DDR damals ins BRD-Gebiet rein und von Bayern aus, war es der Norden.

    2. Oh, das war keine „Reise in den Norden“ in DEM Sinne, aber wenn wir von daheim aus nach Thüringen fahren, fahren wir halt einfach nach Norden, rein von der Himmelsrichtung her.
      Nach Osten jedenfalls nicht 😀

  11. Wow echt krasser Beitrag. Ich möchte nicht in eurer Haut gesteckt haben. Mein Papa hat mir mal erzählt das er in seiner Ausbildung mal nach West Berlin musste. Er war wohl damals sehr neugierig und hat einen Blick über die Mauer werfen wollen, er hat dann wohl in einen Gewehrlauf geschaut… Passiert ist zum Glück nichts.
    Zum Glück haben sich die Zeiten geändert 💕. LG Nina

    1. Oh, das hat deinen Papa bestimmt geprägt.
      Da kannten die Grenzer keinen Spaß. Manche haben direkt ohne Ankündigung geschossen. Da hat dein Papa echt Glück gehabt.

      LG Liane

  12. Oh Liane, was für ein Beitrag, was für Erlebtes…. das berührt mich sehr. Wir sind ja ungefähr der selbe Jahrgang, aber wir hatten keine Verwandten im Osten. Insofern war das, bis ich mich ein wenig für Politik zu interessieren begann, nie ein Thema.

    1. Da wir in Grenznähe wohnten, war es auch ohne die Verwandtenbesuche präsent. Allein diesen Todesstreifen mit den 2 hohen Grenzzäunen zu sehen, wo ständig Grenzsoldaten patrouillerten und mich dem Feldstecher in den Westen schauten war als Kind beängstigend.

Hau in die Tasten! Ich freue mich sehr über einen konstruktiven Text von dir.

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