[Reisetagebuch] Swakopmund – Wo die Wüste am Meer beginnt

Geschichte für Anfänger

Wieder stehen wir human-zeitig auf, duschen, frühstücken eine Kleinigkeit und stapeln unsere Koffer fachmännisch in den Laderaum des Kleinbusses. Wie gut, dass wir nur so eine kleine Gruppe sind. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das mit der doppelten Anzahl von Passagieren und Gepäckstücken wäre. Unsere Route soll heute von Weltevrede nochmals an Solitaire vorbei gehen, dann über den Gaub-Pass zum Kuiseb-Pass und -Canyon um letztlich an die Küste zu fahren. Walvis Bay und dann nach Swakopmund.

Wir begleichen unsere Auslagen für Postkarten, Briefmarken und die aus dem Kühlschrank der Bar entnommenen Getränke und verabschieden uns sehr herzlich. Der Wagen lenkt auf die C14 ein, auf der uns viele Touristen entgegen kommen, die heute noch zum Sossusvlei wollen. Gustav stoppt nochmals zum Tanken in Solitaire und wir nutzen die Zeit, um nochmals die Toiletten aufzusuchen und die Kühle des Morgens auszukosten.

Wir fahren anschließend durch sich verändernde Landschaften. Das knallige Orange des Namib Naukluft Parks bleibt hinter uns und wir fahren durch niederschlagsarme Steppenlandschaft. Der Kleinbus schnauft über die Schotterpiste, vorbei an Geröll und scharf abgezeichneten Sedimentschichten. Linien aus unterschiedlichsten Farben, von schwarz bis blass-ocker, haben sich im Laufe der Erdgeschichte abgelagert.

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Vereinzelt sehen wir Zebras und Oryxe auf der Suche nach Nahrung. Wobei das wohl das geringere Problem ist. Wo kommen die denn an Wasser?, frage ich mich, denn ein Fluss ist nicht zu sehen und geregnet hat es hier die letzten Tage auch nicht. Ist ein hartes (Über)Leben.

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Wir entdecken die Einfahrt zum Rostock Ritz. Inhaber ist Wolfgang Kühhirt, dem in Swakopmund Kücki’s Pub gehört, bevor es ihn in die Wüste zog. Jenseits von Gut und Böse, mitten in der Einöde. Das Restaurant – so erzählt uns Gustav – ist über die Grenzen Namibias hinaus bekannt für seine exzellente Qualität. Stets gibt es auf den Punkt gegrilltes oder gebratenes Fleisch und dazu frisches Gemüse und schmackhafte Salate. Es soll eine beliebte Hochzeitslocation mit Rundum-Sorglos-Verwöhnprogramm sein.

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Wir halten zu einem Fotostop am Wendekreis des Steinbocks an. Obwohl das große Schild wohl an der falschen Stelle steht, denn der echte Wendekreis ist ein paar Meter weiter und nur durch einen kleinen Stein gekennzeichnet. Aber das ist uns egal. Wir posieren, weil uns ein Pärchen anbietet, die komplette Gruppe einmal abzulichten. Aber das Bild enthalte ich euch vor, da ich die anderen nicht gefragt habe, ob ich es einstellen darf. So müsst ihr halt mit dem aufkleberverziertem Straßenschild ohne dekorative Anhängsel Vorlieb nehmen.

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Dann endlich überqueren wir den Gaub-Pass in der Region Khomas. Auf 755 ü.M. erwartet uns Tristesse pur, nur unterbrochen von einer kaum nennenswerten Brücke.

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Schnell weg hier. Doch leichter gesagt als getan. Dabei ist wenigstens ein Teilstück geteert. Die Gespräche ermatten. Langsam macht sich einer latenten Müdigkeit breit. So reizlos hatten wir uns den heutigen Tag nicht vorgestellt, aber gut, immer noch besser als Dauerbeschallung.

Große Veränderungen sind nicht sichtbar. Dennoch halten wir an. Warum? Wir treten aus unserem Gefährt an den Rand und dort liegt der Kuiseb-Canyon im Tal. Wasser! Und Grün! Kaum zu glauben.

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Die Khomas Berge beim Kuiseb

Geschichtlicher Ausflug in die Vergangenheit

Einst haben hier die deutschen Geologen Henno Martin und Hermann Korn nach Wasservorkommen geforscht und die These von Prof. Obst widerlegt, der die Ansicht vertrat, dass eine Austrocknung unmittelbar bevor steht. Gustav erzählt uns, dass sein Vater (oder war es der Großvater?) mit den beiden zusammen gearbeitet hat.

Ende der 1930er Jahre spitzt sich die Lage nicht nur in Nazi-Deutschland zu, sondern auch in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Eine Heimkehr ist für die beiden Geologen undenkbar. Aber das südafrikanische Parlament schlägt sich auf die Seite der Briten und beginnt Mitte September 1939 mit der Internierung von aktiven nationalsozialistischen Deutschen. Dazu gehören Korn und Martin zwar nicht, aber ihre Jagdwaffen müssen sie dennoch abgeben. Besser wird die Lage auch im laufenden Jahr nicht. Nun werden auch „unbescholtene“ Deutsche gefangen gesetzt. Flüchten oder bleiben, dieser Frage stellen sich die beiden.

Im Mai 1940 ist die Entscheidung gefallen. Sie verwischen Spuren und legen falsche Fährten und machen sich mit ihrem Hund Otto, einer Pistole und einer Schrotflinte in einem Kleinlaster auf den Weg ins entlegene und lebensfeindliche Kuiseb-Revier, wo sie mehrmals ihren Unterschlupf verlegen.

Erst nach 2 Jahren tauchen sie wegen eines extremen, lebensbedrohlichen  Vitaminmangels von H. Korn in Windhoek auf und stellen sich den Behörden. Sie werden verhaftet. Da die Regierung aber dringend erfahrene Geologen zu Forschungszwecken braucht, werden sie gegen ein geringes Bußgeld freigelassen.

Henno Martin schreibt später das Buch Wenn es Krieg gibt, gehn wir in die Wüste * , wie sie sich tarnen konnten und überlebt haben. Wer sich mit der Deutschen Geschichte Namibias auseinander setzten möchte, dem sei das Buch empfohlen. Ich selber bin noch mittendrin und es ist wirklich spannend zu lesen.

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Reifenpanne

Der folgende Stop erfolgt an der Gedenkstätte für die beiden. Angeblich soll dies hier einer der Plätze gewesen sein, an denen die beiden kampierten. Doch so richtig glauben wir das alle nicht, da der Weg zum Wasser zu weit ist. Interessant ist es trotzdem, sich die karge Umgebung anzuschauen. Wie überleben die wenigen Bäume? Wie hart muss die Zeit für Martin und Korn gewesen sein? Respekt. Und danke an Gustav, für die anschauliche Erzählung.

Als eine größere Gruppe kommt, besteigen wir wieder unser Auto und rattern los. Ähm, ja, irgendwas klingt komisch. Gustav hält an, läuft einmal um den Wagen und entdeckt den platten Reifen. Wir rollen ein paar Meter weiter und klappen unter ein paar Bäumen unseren Picknicktisch auf. Erstmal stärken. Wie immer helfen alle mit.

Ersatzreifen haben wir dabei. Kofferraum leerräumen ist nach dem Imbiss angesagt. Der Wagen wird aufgebockt, Rad runter, Ersatzrad drauf, alles einräumen und dann geht es endlich voran.

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Reifenpanne – in dem Moment war ich froh, dass ich mich darum nicht kümmern musste

War es eben landschaftlich noch reizlos, so ist es nun trist. Stundenlang geht es fast schnurgerade durch die Namib. Steine, Schotter und Geröll – mehr gibt es hier nicht zu sehen. Oder doch! Der Himmel hält wenigstens an Schaumkronen erinnernde Wolkenformationen bereit, die sich gegen das azurblaue Firmament abzeichnen bereit.

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Weite ohne Ende. Sollte man hier eine nicht reparable Autopanne haben, müsste man lange auf Rettung warten. Und wer losmarschieren würde, verlöre sicherlich alsbald die Orientierung. Freiheit und Abgeschiedenheit, die überfordert. Man wäre leichte Beute für Wildtiere.

Einzige Abwechslung ist ein geschlossenes Tor, dass man problemlos umfahren könnte, da es einfach „nur so“ in der Gegend rumsteht. Ich fühle mich wie in einem Fantasyfilm. Wer weiß, was passieren würde, wenn man das Tor öffnet.

Tag 4 (9)

Jeder hängt seinen Gedanken nach. Neben mir vernehme ich gleichmäßigen Atem. Mittagsschlafenszeit. Selbst von Kurt kommen momentan keine „Weisheiten“. Gut für uns, ermüdend für Gustav, der sich auf die Straße konzentriert.

Nach etwa 100 km verändert sich der Anblick. Hellbeige Dünen tauchen auf.

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Wir nähern uns der Atlantikküste. Wo ist das Meer? Ich weiß jetzt schon, dass ich meine Füße rein stellen werde, egal wie kalt es ist. Muss ein. Immer, wenn ich am Wasser bin. Auf einmal ist die Straße geteert und gut ausgebaut. Wir rauschen durch Vororte. Wir kriechen hinter schwer beladenen LKW’s her und hinter einem Dunstschleier sehen wir den Ozean.

An der Küste

In Walvis Bay halten wir an der Promenade an. Beine vertreten. Direkt vor uns tummeln sich Flamingos und Pelikane im Licht der untergehenden Sonne. Was für ein faszinierendes Bild! Die Flamingos sind zwar nicht so intensiv rosa gefärbt, wie man das aus dem Zoo kennt, aber das hat ja mit der Ernährung zu tun.

Wir sind nun in einer „richtigen“ Stadt. Nicht nur 3 Häuser, sondern Geschäfte, Straßen, Kreisverkehr und sogar Ampeln. Oha, die haben wir seit Tagen nicht mehr gesehen. Würden wir selber fahren, bestünde die Gefahr, diese glatt zu übersehen. Doch auf Gustav ist Verlass.

Etwa 30 km liegen noch zwischen der Walfischbucht und Swakopmund. Im Auto entbranden nach dem Zwischenstop wieder Gespräche. Wir begeistern und für den krassen Kontrast, dass die Wüste scheinbar ohne Überleitung ins Meer übergeht. Verschwommene Konturen und sanfte Wechsel kennt Namibia nicht – ganz oder gar nicht.

Wie kann es sein, dass es auf dem Festland so trocken ist und alles verdorrt, während daneben Wasservorräte (ja, salzig, aber Wasser) scheinbar endlos bis zum amerikanischen Kontinent vorhanden sind? Lecko mio!

Die Fahrt geht mitten in die Stadt. Mehr als 44.000 Einwohner zählt die Stadt, die an der Mündung des Swakop um 1890 von deutschen Kolonisten gegründet wurde. Obwohl wir nur die breite, wenig attraktive Hauptstraße entlang fahren, spürt man bereits den europäischen Einfluss und ein Blick in die Nebenstraßen verspricht Gemütlichkeit.

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Wir checken ins Hotel Villa Eberwein ein. Bereits der Eingangsbereich versetzt uns in längst vergangene Zeiten. Ein geschnitztes Wappen über einer verschnörkelten Couch. Mir kommen direkt Bilder vor mein inneres Auge: Damen in langen Kleidern, mit Sonnenschirm und Kapotthütchen, geführt von befrackten Herren mit Zylinder und Gehstock. Die edle Gesellschaft trifft sich zum 5 o’clock Tee und Scones. Die Herren rauchen an der Bar ihre Zigarren und gönnen sich einen Whisky on the rocks. Wie im Film Sinn und Sinnlichkeit.

Anita und ich folgen der Treppe in die erste Etage. Am Ende des Ganges liegt auf der linken Seite unser Zimmer. Ein Page trägt uns die Koffer hinein. Natürlich halten wir ein Trinkgeld für ihn bereit.

Unglaublich! Diese Zimmer ist der Jackpot. Ich fühle mich sofort heimisch. Ja, ja, ja. Es war die richtige Entscheidung, genau hier meinen morgigen Geburtstag zu verbringen. Es kann nur ein unvergesslicher Tag werden, wenn das Zimmer schon so toll ist. Wir schenken uns ein Glas trockenen Sherry ein und stoßen an.

Gustav hat einen Tisch in der Stadt reserviert, denn wirklich viel gegessen haben wir heute noch nicht. Wir machen uns frisch und schreiten in die Lobby – anders kann man es nicht nennen.

Gemeinsam laufen wir zu Kücki’s Pub. Eine Kultkneipe, sagt er. Ich erwarte laute Musik, schnatternde Menschen, die sich mit einem Glas Bier an Stehtischen zusammenquetschen und heftige Lautstärke. Das sind meine bisherigen Erfahrungen mit Pubs. Doch Kücki’s ist anders. Ein Restaurant, dessen Größe wir erst bemerken, nachdem wir in das obere Stockwerk geleitet werden. Kneipenatmosphäre? Nee!

Gustav hat uns den besten Tisch reserviert. Wir lassen uns in die bequemen, stylischen Sessel fallen. Die komplette Wand gegenüber ist ein Weinregal. Hier lagern jede Menge Flaschen aus aller Welt.  Thekla, Anita, Gustav und ich ordern gemeinsam eine Flasche „Kleine Zalze Sauvignon Blanc“ – einen südafrikanischen Weißwein. Heidi mag lieber Rotwein und Kurt hat sich auf Savanna bzw. Gin Tonic eingeschossen.

Die Speisekarte liest sich erstklassig. Das Pub ist bekannt für deutsch-angehauchte namibische Küche. Ich entscheide mich für den Oryxburger und das erweist sich als gute Wahl. Doch auch die anderen haben nichts zu beanstanden. Gesättigt ziehen wir durch die Stadt, suchen uns einen Geldautomaten, denn die gibt es auf dem Land kaum und legen uns in unsere göttlich-weichen Betten.

Welche Überraschung mich am folgenden Morgen bereits im Bett erwartete und warum der Tag unvergesslich für mich bleiben wird, erfahrt ihr in der nächsten Depesche.


Ein Gefällt mir und/oder ein Kommentar ist der Applaus des Bloggers. Ich freue mich sehr darüber. Habt ihr selbst Erfahrungen ähnlicher Art in Namibia gemacht? Habe ich eure Sehnsucht geweckt?

Aus Schutz der handelnden Personen der Reisegruppe sind die Namen künstlerisch angepasst.


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© DieReiseEule 8/2018

9 Gedanken zu &8222;[Reisetagebuch] Swakopmund – Wo die Wüste am Meer beginnt&8220;

  1. Danke für die Eindrücke. Ich war schon lange nicht mehr in Swakopmund und das erwähnte Buch wartet seit 8 Jahren aufs Lesen. Nun hast du mir wieder einen Anreiz gegeben 😉 LG Antje

    1. Oh, Antje, dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt das Buch in die Hand zu nehmen und die Erinnerungen aufzufrischen. Ich finde, es liest sich wirklich gut (sofern man die Zeit hat…)

      Liebe Grüße

    1. Liebe Andrea,

      das stimmt. Die ganze Reise war wunderbar, wenn ich mir manchmal auch wie in der Hummeldumm-Reisegruppe vorkam. Da gab es einige Parallelen 😀

      LG Liane

    1. Sehr gerne. Mein nächster Bericht wird noch emotionaler. Da darfst du dich schon drauf freuen.

      LG Liane

  2. Liebe ReiseEule, es war so schön für mich diesen Bericht zu lesen. Im Rahmen meiner viermonatigen Weltreise habe ich auch Swakopmund besucht, es war ziemlich am Ende der Reise und ich hatte auch das Gefühl nach Hause zu kommen. So viele Erinnerungen kamen hoch, danke dafür, liebe Grüße von der Kreuzfahrtautorin Brina

    1. Liebe Brina,

      es freut mich, wenn ich schöne Erinnerungen wach rütteln konnte. Swakopmund ist aber auch echt entzückend. Dann wirst du den nächsten Bericht sicher lieben. Ein kompletter Tag in und über Swakopmund.

      Es grüßt
      DieReiseEule Liane

Ich freue mich sehr über einen konstruktiven Text von dir

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