Warum ich keine Weltreise plane, sondern mich lieber Schritt für Schritt von der Welt verzaubern lasse

Gerade heute wieder stoße ich auf mehrere Berichte über Weltreisen.

„Wir waren 2 Jahre in Afrika unterwegs“

„Wir planen eine Weltreise mit unseren Kindern“

„Raus aus dem Hamsterrad, rein ins Vergnügen“

Keine Frage, ich liebe es, diese Artikel zu lesen und mich inspirieren zu lassen. Manche Menschen finde ich dabei sehr mutig. Diese sind häufig strukturiert und bereiten sich teils jahrelang auf ihren Traum vor, wie z.B. Michael Mantke von Erkunde die Welt. Andere erscheinen einfach nur planlos oder desorganisiert. Teilweise sogar Gefahren unterschätzend und/oder lebensmüde?!

Damals…

Als ich Anfang 20 war, bin ich  selbst zweimal lange gereist – einmal 4 Monate, einmal 2 Monate – aber noch weit weg von einer Weltreise. Ich habe diese Zeit sehr genossen, obwohl ich in der Nachbetrachtung zugebe, dass ich bzw. wir (mein damaliger Partner und ich) ziemlich blauäugig waren. Außer Flügen buchen und Visum beantragen haben wir uns nicht wirklich vorbereitet.

Wir landeten ohne zu wissen, wo wir die Nacht verbringen würden. Letztlich findet sich immer eine Möglichkeit. Irgendwie. Unkomfortabel, aber nicht unter einer Brücke. Wir hatten immer Glück und haben tolle, hilfsbereite Menschen getroffen.

Wir kamen heim und hatten weder Job noch Geld, dafür Eltern, die uns vorübergehend aufnahmen. Das Leben meinte es gut mit mir, ich fand schnell einen Arbeitsplatz, eine Wohnung.

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Das Reisen ist nicht immer Sonnenschein

Warum lamentiere ich dann? Ich lamentiere nicht, ich versuche nur zu sagen, warum ich lieber in kleinen Schritten reise, denn aus der Entfernung betrachtet, war das alles nicht ungefährlich. Man bedenke, dass es Anfang der 90er Jahre noch kein Internet und kein Handy gab.

Von Neuseeland aus telefonierte ich einmal in zwei Monaten mit den Eltern. Das kostete mich ein Vermögen und war extrem umständlich, denn dafür musste ich damals noch in die Telefonvermittlungsstelle traben, das Gespräch beantragen, dann wurde mir eine Kabine zugewiesen und nach zwei Minuten war ich 25 Dollar ärmer.

Postkarten kamen nach Monaten daheim an. Letztlich wusste also niemand, wo ich mich gerade befand und wäre etwas passiert, hätte man mich wohl erst Tage, Monate oder Jahre später gefunden. Darüber darf ich gar nicht nachdenken.

Heute verstehe ich auch die Ängste, die meine Mutter ausgestanden haben muss und warum sie so überglücklich war, als sie mich endlich wieder in die Arme schließen konnte.

Die persönlichen Nachteile

Tja, nicht alles war „gut“. In meinem Leben zog ich bisher dreizehn mal um. Das bedeutet, dass man sich immer wieder einen neuen Freundeskreis aufbauen muss, denn die wenigsten Freundschaften vertragen auf Dauer lange Distanzen.

Die, die es überstehen sind dabei besonders wertvoll. Danke an die Freunde, die Ferne ebenso wie Nähe ertragen!

Vielleicht ist es euch egal. Vielleicht schließt ihr leicht neue Freundschaften. Prima! Das muss jeder für sich entscheiden, aber für mich ist das nichts mehr. Ich brauche mein Heim, meinen Rückzugsort, meine Freunde. Denn meine Freunde sind mein Halt. Meine Freunde sind die besten Freunde auf der Welt! Sie stehen in allen Hochs und Tiefs zu mir. Sie rücken mir den Kopf gerade, wenn ich meine, ich wäre der „Nabel der Welt“ und das gesamte Universum müsse sich um mich drehen.

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Man trifft immer auf hilfsbereite und offene Menschen

Die Vorteile

Reisen – und damit meine ich nicht Urlaub machen – trägt zur Erweiterung des Gesichtsfeldes bei. Man überwindet seine eigenen Grenzen. Ich war, auch wenn mir das heute keiner mehr glaubt, sehr zurückhaltend, fast schüchtern. Die Zähne bekam ich kaum auseinander. Heute: kein Problem.

Ich behaupte mal, dass Reisende offener und toleranter sind, da man selbst in Situationen gerät, in denen man froh ist, auf aufgeschlossene Mitmenschen zu treffen, denen es egal ist, wo du herkommst, welcher Religion du angehörst oder welche Partei du wählst. Die dich einfach nehmen, wie du bist.

Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich seinen Ängsten und Befürchtungen stellt. Kopfkino ist oft „schlimmer“ als die Realität. Das stelle ich beim Fliegen immer wieder fest und trotzdem habe ich Flugangst und bin froh, wenn ich endlich wieder gelandet bin und das Flugzeug verlassen kann.

Einfach mal aus dem Hamsterrad aussteigen. Raus aus dem Job. Rein ins Vergnügen. Raus aus dem Tagesstress, rein in den „Freizeitstress“. Ehrlich. Alles mitnehmen wollen kann auch stressen. Bis man nach ein paar Tagen endlich erkennt, dass es ganz schön ist sich treiben zu lassen.

Warum keine Weltreise?

Ich möchte keine Weltreise machen. Punkt.

Ganz viel ICH kommt jetzt.

Ich brauche den Kontakt zu meinen Freunden, nicht nur über Smartphone, Skype und Soziale Medien. Ich muss sie umarmen können, mit ihnen über ein Comedyevent lachen können oder dabei sein, wenn die Kinder anfangen auf eigenen Füßen zu stehen.

Ich möchte in meiner Badewanne liegen und mich bei der heimischen Thaimassage entspannen.

Ich möchte die Miete nicht umsonst zahlen.

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Daheim ist es auch schön.

Ich mag nicht mehr heimatlos und umtrieben sein.

Ich möchte reisen. Oft. Aber nicht zu lange. Bis zu 5 oder 6 Wochen am Stück finde ich es erholsam, danach wird es anstrengend für mich. Ich kann die Eindrücke dann nicht mehr einsortieren, nicht genießen.

Spätestens wenn ich die Fotos im Kopf nicht mehr mit denen auf der Festplatte in Verbindung bringen kann, ist es Zeit für Rückkehr.

Auch in Deutschland gibt es viele tolle Orte und Veranstaltungen, die ich sehen möchte. Ich hätte das Gefühl etwas zu verpassen und komplett außen vor zu sein, wäre ich nur noch weg.

Ich möchte keine Backpacker mehr sein. Ich möchte auf Reisen nicht arbeiten, damit ich mir das finanzieren kann. Ja, da bin ich mit Ende 40 anspruchsvoller. Ich möchte mir eine nette Pension oder ein ordentliches Hotel leisten können. Evtl. sogar einen Mietwagen. Ich habe zwar immer noch Lust auf Abenteuer, aber keine Lust auf Frust, weil es keine Verbindung im öffentlichen Nahverkehr gibt oder alles überbucht ist.

Geiz finde ich gar nicht geil. Ich mag nicht nach den billigsten Unterkünften und Flügen suchen. Ich finde, dass gerade das Flugpersonal gut bezahlt werden soll, denn ich vertraue ihnen mein Leben für eine kurze Zeit an und da möchte ich mich sicher und wohl fühlen.

Ich brauche das Träumen von und die Vorfreude auf die nächste Reise. Dieses Kribbeln im Bauch.

Und noch ein ganz wichtiger Aspekt fehlt: Ich liebe meine Arbeit, meine Freiberuflichkeit. Ich mag keinen anderen Beruf ausüben. Ich brauche den Kontakt zu den Menschen mit ihren Freuden, Nöten, Sorgen, Ängsten und ich mag es, dass man mir zuhört und vertraut.

Doch ich bin ich und du bist du und du hast dein eigenes Leben, deine eigenen Entscheidungen, deine eigenen Sorgen, deine eigenen Vorstellungen und deshalb kann mein Wille nicht deiner sein.

Fazit

Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Ich werte nicht. Ich beschreibe nur meine persönlichen Gründe gegen eine Weltreise.

Du magst eine Weltreise machen, alles aufgeben und reisen? Super! Dann tue das! Lass dich von mir nicht abhalten, wenn es dein Traum ist.

Du findest reisen doof und verstehst gar nicht, was da für ein Hype drum gemacht wird? Zu Hause ist es doch auch schön, oder nicht? Dann bleibt dort und suche dein Glück in der Nähe. Was immer du machst, mach es mit ganzem Herzen und aus voller Überzeugung.

Ich habe im Leben gelernt, dass man nicht aufschieben soll. Es kommt immer anders als man denkt und man kann zwar vieles planen, aber letztlich kommt das Leben dazwischen und schreibt seine eigenen Gesetze.

Zu viele Menschen habe ich kennengelernt, die ihre Träume auf später verschoben haben und das Später gibt es für sie nicht mehr.

Das Glück ist wie ein Puzzlespiel,

Mach dich selbst glücklich und zwar JETZT! Sei dir selbst gegenüber egoistisch und sperre deinen inneren Schweinehund in den Zwinger. Er behindert dich nur. Mach dein Ding!

Gute Reise und traumhafte Eindrücke wünscht

© DieReiseEule 1/2018

 

12 Gedanken zu &8222;Warum ich keine Weltreise plane, sondern mich lieber Schritt für Schritt von der Welt verzaubern lasse&8220;

  1. Alles was du über das Reisen (und ich meine damit nicht Urlaub ;-)) schreibst, kann ich nur voll zustimmen. Deswegen treibt es mich auch immer wieder raus in die Welt. Und damit meine ich durchaus die nähere Umgebung und nicht das Reisen um den Globus. Denn ich denke, es liegt nicht daran, wie weit oder wie lange man reist, ob man seine eigenen Grenzen mal überwindet und sich selbst weiter entwickelt. Reisen bietet einem auf jeden Fall die Möglichkeit dazu. Schade für jeden, der es diese Chance durch „Ländersammelstress“ nicht nutzt.
    Ich träume aber tatsächlich schon lange vom Reisen ohne Zeitlimit (oder besser: ortsunabhängig leben). Gerade bin ich dabei, diesem Traum etwas mehr Platz in meinem Leben zu geben. Mal sehen was daraus wird.
    Viele Grüße von Andrea

    1. Liebe Andrea,

      ich drücke dir die Daumen, dass du deinen Traum in Zukunft leben kannst.

      Alles Gute
      Liane

  2. Tja, meine Freunde sind aufgrund zahlreicher Umzüge – ihrerseits und meinerseits – weit verstreut. Mit den meisten habe ich regelmäßig über Telefon und Internet Kontakt und ein paar Mal sehen wir uns dann. Ich hätte es auch gerne anders, aber jeden verstreute es in ein anderes Eck. Leider.
    Ansonsten verstehe ich dich. Ich kann nachvollziehen, dass man für eine längere Weile (mehrere Monate oder ein, zwei Jahre) ein bestimmtes Eck bereist. Was mich persönlich überhaupt nicht reizt, ist das Reisen durch die ganze Welt in 1,5 oder 2 Jahren. Das wäre mir zu viel, zu viel Input, zu viel Neues, zu viel Erleben, um es verarbeiten zu können. Ich träume allerdings noch immer von mehreren Monaten in Italien 🙂

    1. Hallo Ilona,
      dieses reisen „nur um zu sammeln“ ist genau das, was mich abhält. Ich kann so viele Eindrücke gar nicht verarbeiten. Man vergißt dann auch so viel.

      Daher lieber häufiger, öfter und intensiver.

      Liebe Grüße
      Liane

  3. Liebe Liane
    Mir geht es da ähnlich wie Dir: ich habe dicke Wurzeln hier mit meiner Familie, Freunden, Haustieren, meinem zu Hause und ich fühle mich wohl in meiner Umgebung, in „meiner“ Schweiz. Natürlich reise ich super gerne, aber irgendwann komme ich sehr gerne wieder nach Hause.
    Ganz unabhängig davon: Ganz viele „ich’s“ – und das ist genau richtig so! Reisen soll Freude machen und so passieren, wie es Dir gefällt. Sonst ist es für mich nicht mehr Reisen, sondern eine Flucht.
    Und noch etwas, bei dem ich voll auf Deiner Seite bin: wen man etwas (eine Reise oder auch etwas anderes) sehr gerne machen möchte, dann ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Wie Du habe ich auch erlebt, wie mir nahe Menschen ihre Reisepläne auf später verschoben haben, ein „Später“, das es nun nicht mehr gibt.
    Für mich waren und sind diese traurigen Geschichten auch der wichtigste Grund, meine Flugangst immer wieder zu überwinden. Ja, mein Flugzeug könnte abstürzen und ich könnte dabei umkommen… viel wahrscheinlicher ist aber, dass ich erkranke und nicht mehr reisen kann. Also reise ich, so lange ich kann – und mag.
    Liebe Reisegrüsse, Miuh

    1. Ja, Miuh, da ähneln wir uns wirklich sehr. Auch ich reise trotz Flugangst. Erinnerungen kann einem niemand mehr nehmen und das treibt mich an.
      Liebe Grüße von daheim
      Liane

  4. Ich habe mir nach der Schulzeit einiges angesehen, per Interrail-Ticket unterwegs, dreimal mit dem Segelboot. War alles sehr schön.
    Mittlerweile entspanne ich lieber bei einem Ausflug im nahegelegenen Nationalpark am Wasser, im Wald – einfach in die Natur zum ERDEN.

Ich freue mich sehr über einen konstruktiven Text von dir