Einmal sprachlos bitte! Die Besteigung des grönländischen Inlandeises

Wie bereits im letzten Artikel angekündigt, hofften wir auf ein Einsehen des Wettergottes für die Besteigung des Inlandeises. Was soll ich sagen? Er steht total auf unserer Seite. Der Morgen beginnt mit azurblauem Himmel und wärmenden Sonnenstrahlen. Beste Voraussetzungen also.

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Offensichtlich wartet das Eis darauf, dass wir uns ihm nähern. Scherz! Aber wir freuen uns auf das absolute Highlight der Reise. Zuerst frühstücken wir, damit uns später die Kraft nicht ausgeht und dann schlüpfen wir in unsere warmen Polarjacken und es geht auf das Boot.

Mit jedem Meter, dem wir uns der gegenüberliegenden Eisfront nähern, werden wir sprachloser. Das Blau erinnert mich an die ausgelaufene Tinte eines Füllers, das Schneeweiß ist heller als frisch gebleichte Wäsche und das Knistern und Knacken der Eisschicht formt zusammen mit dem murmelnden Meer eine beruhigende Melodie.

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Ich fühle mich voll entspannt und angekommen. Ich könnte stundenlang auf diesem Boot sitzen und den Wellen, den Möwen, den Eisbrocken und dem Gletscher zuschauen. Ich koste es voll aus und vergesse fast alles um mich herum.

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Je dichter wir am Gletscher sind, desto lauter wird es. Wo kommt das her? Die paar Möwen können doch unmöglich soviel Krach machen. Die paar Vögel? Wir scheuchen sie durch das Motorengeräusch auf. Nicht 5, nicht 10, nicht 100, sondern unzählige Möwen. Die sah man von weitem gar nicht. Wir werden umflattert.

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Wer genau schaut, sieht die vielen Vögel
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Ausschnittvergrößerung. Jetzt sieht man die Möwen.

Nach wenigen Minuten schmerzen die Ohren durch das Geschrei der Tiere. Ach, was war es eben doch noch so schön still. Aber nein, es ist dennoch spannend. Fast wie in Hitchcocks „Die Vögel“. Nur ohne Angriffe.

Durch die Bewegung des Gletschers und das Schmelzwasser unter dem Eis wird das Meer umgewirbelt und daher kommen die Möwen hier ohne Anstrengung an Nahrung. Hinsetzen und abwarten. Möwies Schlaraffenland.

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Ich könnte jetzt gefühlte Millionen Fotos posten, so schön war es. Aber das geht nicht. Vielleicht ein anderes Mal. Immerhin ein paar Bilder zeige ich noch. Ihr dürft mit mir schwelgen und träumen.

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In Bucht treiben viele Eisschollen unterschiedlichster Ausdehnung. Sie haben GRQ_4676außergewöhnliches Formen und Muster. Wie eingefrorene Meereswellen. Doch zunächst wird endlich mal ein Gruppenbild gemacht.

Wie man sieht, tragen wir alle die geliehenen Polarjacken und Schwimmwesten. Ein Muss auf jeder Zodiakfahrt. Dazu Mütze, Handschuhe, Buff/Schal und Wanderschuhe.

Auch bei Sonnenschein ist es während der Bootsfahrt arschkalt. Man merkt dann doch, dass man in der Arktis ist. Warm anziehen ist Pflicht. Genauso wie Zwiebellook, denn kaum ist es windstill, fühlt man sich wie ein Hähnchen auf dem Grill. Man bleibt in Schwung. Anziehen, ausziehen, anziehen, ausziehen….

Doch zurück zum Eis. Und zu einem extraordinären Eisberg. Flach, türkis und mit einer Eisscholle, die obenauf liegt und wie ein Herz aussieht. Mein absolutes Lieblingsbild. Allerdings enthalte ich euch das noch vor, denn ich möchte es erst bei Michaels halbjährlicher Fotoparade #FopaNet zeigen. Diese startet im Dezember.

Endlich geht es in die geschützte Bucht. Das Boot ankert und wir laufen über ein Geröllfeld, an einem kleinen Wasserfall vorbei, bis zum Ausgangspunkt für die Besteigung des Inlandeises.

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Hier stehen blaue Tonnen, in denen sich die Steigeisen und die Schutzhelme befinden. Wir haben einen ausgebildeten Bergführer dabei, der uns hilft, die Ausrüstung anzulegen und eine Einweisung gibt, wie man sich mit den Steigeisen sicher bewegt.

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Bereits der erste Anblick gebietet Ehrfurcht. Ganz sicher werden wir wie die Entenküken hinter ihrer Mama dem Bergführer folgen, denn keiner will riskieren, in eine Gletscherspalte zu fallen.

Der Anblick ist einfach atemberaubend. Wie muss er erst von oben sein? Die Flugzeuge in die USA überfliegen uns mit schöner Regelmäßigkeit. Wenn ich noch dran denke, wie das Eis beim Überflug nach Narsarsuaq aussah…Da fehlen die Worte für.

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Endlich geht es los. Der Aufstieg mit den Steigeisen geht einfacher als ich dachte. Doch man kommt bei dem herrlichen Sonnenschein dennoch ins Schwitzen. Es geht teil steil bergauf. Mir ist nicht nach fotografieren. Ich will diesmal nur genießen. Meine Kamera bleibt im Rucksack.

Wir sehen in Gletscherspalten, die unendlich scheinen. Boden? Tja, keine Ahnung wo der ist. Gurgelnde Wasserläufe begleiten uns, enden in kleinen Pfützen und Teichen. Nach 2 Stunden halten wir an und nehmen unser Mittagsmahl auf dem ewigen Eis ein. Noch sieht man nicht den Gipfel oder das Plateau. Als wir nachhaken, ob wir nicht dort pausieren wollen, lachen unsere beiden Guides nur und erklären, dass das mindestens ein Tagesmarsch wäre. Auch wenn es von hier so nah aussieht.

Auf der Rückfahrt kriegen wir von der anderen Seite des Fjords gezeigt, auf welcher Höhe wir waren und erkennen, dass wir gerade mal am Anfang der Eisfläche waren.

Jetzt hole ich meine Kamera heraus. Zwei von den Männern haben sich extra Warnwesten gekauft, um witzige Fotos machen zu können. Die Stimmung ist gelöst.

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Im Schatten ist es mächtig kalt. Das Eis strahlt im wahrsten Sinne des Wortes Eiseskälte ab. Dagegen möchte man sich in der Sonne direkt der dicken Jacken entledigen, so warm ist es. Aber sagt selbst: Haben wir nicht ein Traumwetter gehabt?

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Manchmal kann ich mich gar nicht entscheiden, ob ich die Fotos in den Naturtönen oder in schwarz-weiß schöner finde. Beide haben ihren Reiz. Entscheidet selbst, welches für euch besser die Stimmung transportiert.

Dann geht es wieder an den Abstieg. Der ist ziemlich anstrengend für die Knie. Gilles erzählt uns, dass er demnächst eine 2 wöchige Expedition über das Inlandeis macht. Dann, wenn die Touristensaison zu Ende ist. (Inzwischen hat er uns Bilder davon gesendet und ich zolle ihm meinen Respekt. Mit schwerem Gepäck auf dem Schlitten und nicht immer bestem Wetter war das sicher eine Herausforderung. Seine Bilder kann man auch auf Instagram sehen – Gilles Denis Expeditions)

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Nachdem wir das Inlandeis verlassen haben, legen wir unsere Ausrüstung wieder ab, verstauen sie in den wasserdichten Tonnen und erklimmen das Zodiak. Ein letztes Mal fahren wir die Küste entlang und bestaunen das Inlandeis aus nächster Nähe.

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Nun müssen wir noch einen Auftrag erfüllen: wir benötigen Eis für den „Camp-Kühlschrank“ und der funktioniert mit aus dem Meer gefischten Eisschollen. Strom gibt es an diesem abgelegenen Ort nicht.

So haben wir den 12. August 2017 zugebracht und dieser wird in meiner Erinnerung bleiben. Genau deshalb wollte ich nach Grönland. Und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil wurden meine Erwartungen sogar noch übertroffen.

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Langsam neigt sich die Sonne dem Horizont entgegen, Wolken ziehen auf und tauchen das Panorama in stimmungsvolles Licht. So kann man seine Seele baumeln lassen.

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Bleibt nur noch zu erwähnen, dass wir in dieser Nacht als Zugabe Nordlichter gesehen haben. Fotos gibt es meinerseits keine davon, da ich keine Lust hatte mein Stativ im Dunkeln aufzubauen. Außerdem war es kalt und ich war müde, nach der Wanderung. Manchmal muss man einfach nur genießen und die Bilder nur im Kopf festhalten, so gerne ich sonst am Auslöser bin.

Seid ihr genauso geflasht vom Inlandeis wie ich? Die Fotos können die Realität leider nur unzureichend abbilden. Ich kann euch eine Reise nach Grönland bedingungslos empfehlen, wenn ihr selbst einmal die Schönheit, die Ruhe und die Atmosphäre erleben wollt.

Nun fehlen nur noch wenige Fakten der Reise, denn nur noch 3 Tage sind wir auf der größten Insel der Welt gewesen. Ich freue mich auf eure Kommentare.

© DieReiseEule 11/2017

 

 

 

37 Kommentare zu „Einmal sprachlos bitte! Die Besteigung des grönländischen Inlandeises

    1. Hallo Rosi.
      Gegen eine Verlinkung habe ich nichts.
      Freut mich, dass dich der Artikel begeistert.
      Obwohl ich nun fast 4 Monate wieder zu Hause bin, zehre ich immer noch davon.
      Liebe Grüße
      Liane

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  1. Hallo Liane!
    Was für eine beeindruckende Szenerie!
    Selbst die ja auch immer kleiner werdenden Gletscher in den Alpen hauen mich jedes Mal noch von den Socken. Dabei sind sie nun wirklich nicht.mit der imposanten Weite Grönlands vergleichbar! Eine wundervolle Natur, die unbedingt geschützt werden muss!

    Liebe Grüße
    Carolin

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  2. Liebe Liane,

    ach ich liebe Deine Bilder. Du verstehst es wirklich den Leser auch damit abzuholen. Jetzt möchte ich auch nach Grönland und genauso ein Glück mit dem Wettergott haben, wie du!

    Was für ein Erlebnis. Danke fürs Teilen!

    Grüße Marlene

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Marlene,

      auf den Wettergott hat man leider keinen Einfluss, aber wenn er auf deiner Seite ist, dann sollte man auch dankbar sein. Und ich könnte ihn glatt umarmen, dass er uns die Sonne und den blauen Himmel gönnte.

      Herzlichst grüßt
      Liane mit DerReiseEule, Hasimausibär und Hasimausischatzibär 😉

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  3. Waaaahnsinn!
    Deine Bilder sprechen Bände, wunderschön!
    Ich liebe Schnee und kalte Temperaturen, und ich will ja mal nach Lappland.
    Aber vielleicht sollte ich Grönland auch auf meine Liste setzen, das sieht unglaublich aus.
    Wie das Eis in der Sonne glitzert, die ganzen Vögel dazu.
    Und dann habt ihr so schönes Wetter gehabt. Wow!
    Sehr, sehr schöner Beitrag!

    Ganz liebe Grüße aus Singapur!
    Michelle ❤
    gowhereyourhearttellsyoutogo.wordpress.com

    Gefällt 1 Person

    1. Mein Partner wollte eigentlich absolut nicht nach Grönland und jetzt schwärmt er jedem davon vor. Von daher können wir eine Reise dorthin unbedingt empfehlen.
      Ich würde gerne als nächstes die Küste bei Illulisat erkunden.

      Herzliche Grüße
      DieReiseEule Liane

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  4. Wow. Ganz einfach nur wow. Was für tolle Fotos, was für eine tolle Geschichte! Danke, dass du mich an diesen Worten an diesen so abgeschiedenen Ort transportiert hast. Ich glaube nicht, dass ich selbst jemals nach Grönland kommen werde, aber deine tolle Schreibe lässt mich erahnen, welch tolles Erlebnis es sein muss. Die Möwen, das Knacken des Eises, die Kälte, das blaue Eis. Fantastisch!

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    1. Tagsüber bei Sonne hatten wir um die +20°C, auf dem Eis selbst strahlte natürlich die Kälte ab.
      Insgesamt schwankten die Temperaturen auf der Reise, je nach Wetter, zwischen +5-20°C
      Nachts empfanden wir das oft als ziemlich kalt, da wir ja häufig gezeltet haben

      Gefällt 1 Person

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