Projekt 360: Um die Welt zu dir selbst – Grönland

Igor von 7Kontinente hat das großartiges Projekt 360: Um die Welt, zu dir selbst gestartet. Er will zeigen, wie sehr uns Reisen verändern und somit bereichern kann. Manchmal sind es nur kleine Veränderungen, manchmal große Schritte. Egal wie, Reisen bewegt etwas in uns. Jeder erlebt das unterschiedlich. Oft bemerken wir die Veränderungen erst viel später. Oder Freunde und Verwandte sprechen uns darauf an.

Igor hat einige Reiseblogger eingeladen, an diesem Erfahrungsaustausch mit einem Artikel über ein Land teilzunehmen, dass uns geprägt und verändert hat. Jedes Land kommt nur einmal vor.

Vor einiger Zeit habe ich bei einer ähnlichen Aktion schon mal mit Tasmanien teilgenommen. Diesmal schreibe ich über Grönland. Die Reise ist noch keine 3 Monate her und hat einiges bei mir bewirkt und angestoßen. Doch lest selbst:

Reisen in der Gruppe – Neuland

GrQHandy (5)Grönland, Land aus Eis und Schnee. Meine Trauminsel. Seit meiner Jugend träumte ich davon, einmal den Kontrast zwischen dem Grünstreifen an der Küste und dem daran angrenzenden Inlandeis zu sehen. Doch zwei Dinge hielten mich über 30 Jahre davon ab, die Reise in die Tat umzusetzen.

Das waren als erstes die Preise. Billigreisen geht anders. Um nach Grönland zu kommen muss man einige Scheinchen in die Hand nehmen und das für wenig Komfort. Als zweites hielt mich ab, dass nie jemand mit mir reisen wollte. Weder Familie noch Freunde. Immer wenn ich von meinem Traum erzählte, rollten alle nur die Augen.

„Du hast immer komische Ziele.“ 

„Auf die Idee in die Kälte zu reisen würde ich nie kommen.“

„Mal wieder eine Extrawurst. Mallorca ist doch auch schön und längst nicht so teuer.“

„Da würden mich keine 10 Pferde hinkriegen.“

Also lies ich die Idee fallen. Alleine traute ich mich nicht. Doch dann kamen meine großen Reisen nach Australien und Neuseeland in den letzten beiden Jahren und mein  Mut stieg. Ich wusste, ich kann das auch alleine und so kam es, dass ich mich entschloss, meinen Lebenstraum endlich in die Tat umzusetzen.

Ich holte Informationen bei Bloggerkollegen und Reiseagenturen ein. Eine Individualreise fiel sofort aus. Dafür fehlen in Grönland einfach die Infrastrukturen. Die Ortschaften sind nicht mit Straßen verbunden. Fast alles spielt sich auf dem Wasser ab. Doch wie würde man selber die Fahrten von Insel zu Insel organisieren? Nein, das war mir zu aufwändig.

Somit stand fest, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben an einer Gruppenreise teilnehmen würde. Es sollte eine kombinierte Schiffs- und Wanderreise sein. Hatte ich doch bei den letzten Reisen erst meine Komfortzone verlassen und mich dem Alleinreisen gewidmet, so stand direkt mit der Gruppenreise eine neue Veränderung an.

Nach langer Suche entschied ich mich Ende letzten Jahres über Moja Travel zu buchen. 14 Tage „Das Beste von (Süd)Grönland“. Mit An- und Abreise über Reykjavik.

Tja, und kaum war ich am Jahresende 2016 aus Neuseeland zurück, lernte ich am 8. Januar meinen Partner kennen. Alles ging recht schnell mit uns und auf einmal standen meine ganzen gebuchten Reisen auf der Kippe. Er ist auch sehr reisefreudig und war sofort dafür zu begeistern mitzureisen. Aber er sagte auch sofort, dass ich keine Reise stornieren solle. Notfalls solle ich ruhig alleine reisen.

Nach einigen Telefonaten mit der Agentur konnten wir die Reise für ihn nachbuchen und aus dem Einzelzimmer ein Doppelzimmer machen.

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Reibungspunkte

Im August war es endlich soweit. Mit gepackten Rucksäcken ging es zum Flughafen. Ich hatte ihm von meiner Flugangst erzählt und er meinte, mit ihm zusammen sei das anders und ich könne mich entspannen. Ich glaube, so richtig ernst nahm er mich in diesem einen Punkt nicht, weil er wusste, dass ich viel fliege. Und irgendwie passt das ja nicht zusammen.

Am Flugsteig kam es zu gegenseitigem Unverständnis. Er wollte direkt einsteigen und ich warte immer möglichst lange damit, damit ich so kurz wie möglich in der Kabine sein muss. Ich brach in (fast unstillbare) Tränen aus. Es fehlte nicht viel und ich hätte hyperventiliert. Erst da wurde ihm klar, dass ich nicht simuliere, sondern wirklich an Flugangst leide. Er hielt meine Hand beim Abheben, machte keine Witze und versuchte beruhigend auf mich einzuwirken. Nachdem ich mich beruhigt hatte, redeten wir ruhig miteinander und klärten alles.

„Ich bin für dich da. Wir schaffen das gemeinsam.“

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Bereits am nächsten Tag beim Weiterflug nach Grönland setzte eine Veränderung bei mir ein. Ich konnte mich viel entspannter auf den Flug einlassen und wusste seine gereichte Hand zu schätzen. Ich musste nicht in Tränen ausbrechen. Tiefes Ein-und Ausatmen bei Start und Landung waren ausreichend. Die Angst war da, hatte aber nicht mehr die Oberhand.

Landung in Grönland. Wir hatten Glück und unsere Gruppe bestand nur aus 8 Personen plus Guide. 5 Franzosen und 3 Deutsche in einer Altersmischung von knapp über 20 bis Mitte 60 Jahren. Ich gebe zu, dass ich mit Vorbehalt an die Menschen ran ging. Leider hatte ich früher oft nicht so herzliche Begegnungen mit Franzosen. Doch diese Menschen waren offen und revidierten mein Bild. Wir kauderweltschen in einer Mischung aus Englisch, Französisch, Deutsch. Wir lachten viel miteinander. Wir gingen uns auch mal aus dem Weg. Schließlich ist Grönland ein extremes Land und jeder hatte mal seinen Tag mit Lagerkoller.

Und auch die noch so frische Paarbeziehung stand nicht auf festen Füßen. Noch vor dem Urlaub waren wir zusammen gezogen. Hasimausischatzibär hatte seine Wohnung gekündigt. Sollten uns bei dieser Reise die ersten Zweifel kommen, das Richtige getan zu haben? Einerseits waren (und sind es noch) wir sicher in der Phase der „Verliebtheit“, andererseits sind wir zwei starke Persönlichkeiten mit Lebensgeschichten und Päckchen.

So kam es, dass ich mich auf einer Wanderung plötzlich persönlich angegriffen fühlte, weil Hasimausischatzibär mir meinte sagen zu wollen, wohin ich meine Schritte zu setzen habe.

„Tritt nicht auf den Stein, der wackelt!“

„Du musst einen großen Schritt nach oben machen“

„Wir gehen zurück, wenn du Schmerzen in den Füßen hast. Lass deinen falschen Stolz sein“

Ein Teil meiner Seele wusste, dass er es gut mit mir meint und mich schützen möchte, aber der Rebell in mir fuhr die Krallen aus. Ich griff an und antwortete wenig liebevoll.

„Ich bin auch schon fast 50 Jahre auf der Welt und wandere nicht zum ersten Mal“

„Bisher habe ich immer geschafft, was ich wollte“

„Aufgeben ist nicht!“

Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns beide voneinander fern hielten. Wir gingen uns einige Zeit im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg. Jeder sortierte seine Gedanken und Gefühle. Wir schwiegen. Ich resümierte, was ich denn will. Wie soll Partnerschaft aussehen? Wo kann und mag ich Zugeständnisse machen und Kompromisse schließen und welche Standpunkte habe ich mir zu hart erkämpft und davon Abstand zu nehmen?

Und doch bemerkte ich hier mit Blick auf den ruhenden Gletscher, wie gut es tut, jemanden an der Seite zu haben, der sich um dich sorgt. Wie gut das meiner Seele tat. Die Seele, die durch das Leben bereits einiges verarbeiten musste. Und bisher immer alles allein. Die Kraft der Erde floss. Die Ruhe breitete sich innerlich aus. Das Gedankenkarrussell lief in slow motion.

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Den Blick nach vorne richten. Die Zukunft hat in der Gegenwart begonnen. Die Vergangenheit ruhen lassen ohne sie zu vergessen und ohne ihr zuviel Raum zu geben.

Da war auf einmal jemand, dem ich nicht egal war. Der wollte, dass ich mich nicht überfordere. Jemand, der mir klarmachte, dass der Abbruch einer Wanderung kein Versagen ist, sondern Selbstschutz. Dazu gehörte für mich mehr Mut als die Zähne zusammenzubeissen und über die Grenzen zu gehen. Doch ich hörte letztlich auf ihn.

Und wieder redeten wir viel und intensiv miteinander. Ein toller Wesenzug von ihm, dass er sich immer darauf einlässt. Denn dadurch lassen sich die Missverständnisse klären. Wir haben innerhalb kürzester Zeit viel über den Lebensgefährten, aber auch über uns selbst erfahren.

Eine solche Reise in ein so extremes Land wie Grönland mit seinen Eigenheiten hielt uns den Spiegel vor. Wer hier (über)leben will, muss kämpfen, aber vor allem auch vertrauen.

Vertrauen. Einer meiner Schwachpunkte. Und doch hat mich Grönland verändert. Ich habe endlich zu einem Menschen Vertrauen fassen können und wurde nicht enttäuscht. Er hält es mit mir aus. Er weint und er lacht mit mir. Er schweigt und er redet mit mir. Er nimmt mich in den Arm. Er bringt mir unaufgefordert Blumen mit, wenn ihm danach ist. Er zeigt mir seine Zuneigung in vielen kleinen Gesten. Er plant ein Leben mit mir. Und ich mit ihm. Ganz unaufgeregt. Ganz entspannt. Ganz auf Augenhöhe.

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Wer Grönland schafft, schafft auch eine Beziehung in Deutschland

Unser Motto „Füreinander dasein“

Daher war es auch der richtige Schritt, dass wir nicht nur ein Paar wurden, sondern auch zusammen zogen. Ich habe nach 18 Jahren einem Mann Zutritt zu meinem Herzen gewährt. Wenn das keine Veränderung ist….

Grönland hat uns zusammen geschweißt. Der erste gemeinsame Urlaub war kein „Friede, Freude, Eierkuchen“-Pauschalurlaub, sondern ein Vertrauenstest. Wir haben ihn gemeistert und sind uns sicher, dass wir auch noch viele andere Situationen und Reisen meistern werden.

Wir haben zusammen Eis und Kälte bezwungen und Gletscher bestiegen. Wir haben Nordlichter gesehen. Wir verdanken Grönland ein unvergessliches Erlebnis und den Blick nach vorne. In kleinen, großen Schritten. Wir verdanken diesem Land, dass die Kälte uns gewärmt hat. Den Abschied vom alten Singleleben und der Beginn von Gemeinschaft mit Respekt, Vertrauen, Treue und Füreinander dasein. Ohne Verbiegen, ohne den anderen ändern zu wollen. Mit Akzeptanz und Toleranz. Als Bereicherung.

Wir freuen uns auf die Zukunft und viele prägende Reisen.

Vielen Dank, dass du für mich da bist, Hasimausischatzibär! Dieser Bericht ist dir und deiner liebevollen Art gewidmet. Lass uns gemeinsam glücklich sein. Wir haben es uns verdient.

In Liebe

Liane – DieReiseEule

Der Weg hört nicht dort auf, wo wir das Ende sehen,

© DieReiseEule 10/2017

 

17 Kommentare zu „Projekt 360: Um die Welt zu dir selbst – Grönland

  1. Liebe Liane, ich hatte Tränen in den Augen während des Lesens… ich kann Dir bei so vielem nachfühlen – auch wenn mein Leben ganz anders verlaufen ist, und ich meinen Mann schon sehr lange kenne. Dennoch: wirklich zusammengeschweisst wird man eben dann, wenn es schwierig ist, wenn man ein Abenteuer erlebt. Und gerade auf Reisen kann es immer wieder Konfliktpotential geben (bei mir ganz gefährlich: Hunger). Ich gratuliere Euch, dass ihr das zusammen durchgestanden habt – aber hoffentlich die Reise auch genossen habt! Das kann Euch niemand mehr nehmen… und auch ihr sollt Euch immer wieder zurückerinnern. Liebe Grüsse, Miuh

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