„Ein Wal!“ – und das Hotel in Qaqortoq, bei dem ich zum ersten Mal zelten vorgezogen hätte

Von Nanortalik nach Alluitsup Paa

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Heute haben wir schon den 9. August 2017 und es ist bereits der neunte Tag in Grönland. Zum x-ten Mal sitzen wir im Zodiak, warm gekleidet und fahren durch die Fjorde. Ziel für heute ist Qaqortoq – die Hauptstadt Südgrönlands. Mit ihren 3500 Einwohnern gehört sie zu den Großstädten.

Doch zuvor schippern ein weiteres Mal durchs Eismeer. Wir richten die Augen auf das Meer. Angeblich soll hier die Chance auf Sichtung von Walen recht hoch sein, doch bei der Hinfahrt sahen wir sie leider nur in weiter Ferne. Wir hatten zwar unsere Teleobjektive im Anschlag, aber es war aussichtslos. Heute haben wir deshalb auf die schweren Objektive verzichtet. Schließlich fahren wir nicht weit genug ins offene Meer hinein.

Wir nähern uns der Hafeneinfahrt von Alluitsup Paa, einem kleinen Fischerdorf, wo wir uns die Füße vertreten wollen und direkt vor uns sehen wir plötzlich das:

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„Ein Wal!“ Obwohl nur die Wasserfontäne sichtbar ist, wissen wir sofort, dass hier ein Wal unter der Oberfläche schwimmt. Sofort stoppt unser Bootsführer die Motoren, um das Tier nicht zu verschrecken. Wow, so nah an der Küste, in unmittelbarer Nähe zur Ortschaft. Damit hätten wir nicht gerechnet. Und dann tauchen nach und nach alle Teile des Tieres auf. Ein richtig großer Buckelwal, deren Ausmaß man nur erahnen kann, da diese Wale nicht springen.

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Wir sind alle euphorisch. Die Kameras klicken. Auch ich aktiviere die Serienaufnahmefunktion und halte einfach drauf, in der Hoffnung, dass ich den Wal irgendwie erwische und ablichten kann. Hat geklappt, wie man sieht. Natürlich waren auch jede Menge verwackelte Bilder dabei, denn auf dem Zodiak schaukelt es.

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Eine Weile zieht der Wal seine Kreise. Taucht immer wieder auf und ab. Glücksgefühle übermannen mich. So ein gewaltiges Tier in freier Wildbahn zu sehen, ist einfach toll. Solche Tiere sollte man nicht in Delphinarien halten. Anhand der Schwanzflosse kann man die Wale klassifizieren. Später sehen wir noch einen kleineren Wal mit einer anderen Fluke. Doch leider sind die Bilder verwackelt.

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Der Motor wird wieder gestartet und wir fahren in den Hafen von Alluitsup Paa ein. Alle sind aufgeregt und irgendwie hat keiner Lust, das Dorf zu erkunden. Wir laufen nach links, um noch einen Blick auf die Küste und den Wal zu werfen.

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Netterweise zieht er weiter seine Runden und wir sind ihm dafür sehr dankbar. Ich bin ganz geflasht und diese Begegnung ist absolut eines der ganz großen, wenn nicht sogar das größte Highlight der Reise. Zumal man das nicht planen kann. Danke Grönland!

Einsteigen bitte, es geht weiter nach Qaqortoq. Sie soll eine der schönsten Städte Grönlands sein. Klar, sehen wir wieder jede Menge Eisberge auf der Fahrt dorthin, die wir gekonnt umschiffen.

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Qaqortoq

Das Qaqortoq niedlich ist, zeigt sich bei der Anfahrt. Die bunten Holzhäuser schmiegen sich an die Hügel. Wie bunt es wirklich ist, zeigt sich später noch. Warum ist es bei uns eigentlich Tradition, dass alles grau-in-grau ist? Die Farbvielfalt macht gute Laune, besonders bei trübem und wolkingen Wetter.

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Wir laden die Dufflebacks aus dem Boot aus und stapeln sie am Kai. Gilles ordert für den Abtransport 2 Taxis, da unser Hotel auf dem Berg liegt. Der Weg ist steil. Da es einige Zeit dauern wird bis die Taxis kommen, dürfen wir uns auf den Weg durch den Ort bzw. zum Aufwärmen ins Restaurant aufmachen, wo wir uns anschließend mit ihm treffen werden. Nach 2,5 Stunden offener Schiffstour ist man doch trotz Polarjacken und Handschuhen etwas durchgefroren. Wir gönnen uns Kaffee bzw. ein belgisches Leffebier.

Die Tische haben interessante Intarsien. Der Umriss von Grönland und ein traditionelles Boot – tolle Idee.

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Aus dem Lal’laati’s Corner haben wir die Perspektive auf den einzigen Brunnen Grönlands. Natürlich schauen wir uns den noch genauer an. Er steht genau gegenüber der Polizeistation und bildet sowas wie den Dorfplatz.

Und dann kommt Gilles und holt uns ab, um uns das Hotel zu zeigen. Hotel! Juhu. Das klingt nach Komfort und Luxus nach den Tagen des Zeltens und nächtlichen Frierens. Wir freuen uns.

Die Freude erhält dann aber direkt einen Dämpfer, als man uns das Zimmer zeigt. Allein die Aussicht auf eine warme, trockene Unterkunft für die Nacht lässt uns dankbar sein. Wir hatten sicher keinen deutschen Standard erwartet, aber dieser Raum ist kleiner als jedes Hostelzimmer, das wir bisher hatten.

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2 Stockwerkbetten auf etwa 6m² ist durchaus beengt. Kissen, Bettdecke, Laken, geschweige denn Bezüge – Fehlanzeige! Wir packen unsere Schlafsäcke aus. Das geht aber auch nur auf dem Flur, da – wie man sieht – nicht mal Platz ist, dies im Zimmer zu tun. Der Durchgang ist gerade mal schulterbreit. Kleiderschrank, Schreibtisch oder so gibt es nicht. Wo sollte das auch noch stehen? Die Dufflebacks passen gerade so unter die Kleiderhaken. Doch ich jammere auf hohem Niveau. Einfach nur, weil ich mit dem Wort „Hotel“ doch was anderes verbinde.

Die Enttäuschung macht sich breit. Und bis dahin haben wir noch nicht die sanitären Anlagen gesehen. Also, die sind sauber. Keine Frage, aber ähnlich feudal. Ein Stockwerk höher ist ein großer Aufenthaltsraum. Hier gehen die Türen zu den Toiletten und Duschen ab. Eine Doppeldusche für jedes Geschlecht. Steht man drin und ein zweiter betritt die Dusche, steht man im wahrsten Sinne des Wortes nackig da und kann von allen Personen im Aufenthaltsraum bewundert werden. Örks. Zum Glück kann man sie wenigstens verschließen.

Am drolligsten ist aber die Toilette. Sie ist gerade so groß, dass man rückwärts reingehen kann. Während man die Türe zuzieht, muss man gleichzeitig die Hose runterstreifen, denn es ist kein Platz da, dies bei fest geschlossener Türe zu tun. Ich habe echt kurze Beine, aber meine Knie stoßen an die Tür an, wenn ich auf der Kloschüssel sitze. Mir kommen absurde Bilder von verrenkten Männerbeinen in den Kopf. Wie bitte machen  die Jungs das mit ihren langen Beinen? Hinter die Ohren tackern???

Und scheinbar gibt es auch nur eine Toilette für alle Hotelgäste. Herrje. Müssen wir auch noch Platzkarten ziehen? Da war mir die Wildnis doch lieber. Da konnte man sich hinter Felsen verstecken und hatte Platz! Später entdecken wir noch eine zweite Toilette, die sogar etwas größer ist. Man kann die Tür schließen und sich dann erst setzen, aber rückwärts einparken muss man trotzdem. Jetzt im Nachhinein kann ich darüber lachen und finde es auch witzig, dass ich was zu erzählen habe, aber in der Situation war mir eher zum Heulen zu Mute.

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Dafür haben wir wenigstens im Lal’laati’s Corner ein leckeres Abendessen. Und wir haben zum ersten Mal seit neun Tagen freies WLAN. Ping, ping, ping, ping. Bei jedem von uns gehen unzählige Nachrichten ein. Über 40 Emails haben sich in den Tagen des „Digital Detox“ angesammelt. Wie geil! Ich habe nichts vermisst. Das WLAN kann dem Übermaß an Touristen nicht stabil standhalten und gibt ab und zu auf. Kein Wunder.

Gesättigt sehen wir alles ein bisschen entspannter. Schließlich „müssen“ wir nur eine Nacht hier verbringen. Morgen geht es nach einem Rundgang durch Qaqortoq weiter ins „Mooncamp“. Was sich dahinter versteckt, erzähle ich euch im nächsten Artikel. Drei Tage werden wir dort verbringen.

Freud und Leid liegen oft nah beieinander. Mit dem Gedanken an das einmalige Erlebnis, Wale in der freien Natur erlebt zu haben, schlafe ich dennoch positiv gestimmt ein.

Tja, auch wenn uns Reisebloggern nachgesagt wird, wir würden nur über eitel Sonnenschein berichten, schreibe ich auch darüber, wie es tatsächlich war und das es auch Disharmonien gibt.

Ich freue mich über Kommentare. Habt ihr auch schon mal eine Unterkunft bezogen, von der ihr total enttäuscht wart, weil ihr andere Erwartungen hattet? Oder läuft bei euch immer alles rund? Ich freue mich über eure Kommentare.

© DieReiseEule 10/2017

 

12 Kommentare zu „„Ein Wal!“ – und das Hotel in Qaqortoq, bei dem ich zum ersten Mal zelten vorgezogen hätte

  1. Was für ein Glück! Einen Wal würde ich auch gerne mal beobachten. Und das am liebsten von Land aus. Ich bin nicht so wirklich seefest. Wie nett, dass es nicht gleich verschwunden ist!

    Das Zimmer ist ja echt mini! Ich wünsche Dir sehr, dass es wenigstens ein kleines Fensterchen gab.
    Bruchbuden kenne ich von einer Wanderung in Nepal. Da war das Zimmer zwar größer, aber das war’s dann auch schon. Letztendlich, also im nachhinein, finde ich solche Erfahrungen aber immer klasse.So beginnen meistens die besten Reisegeschichten.

    1. Wale von Land aus zu sehen ist eine absolute Seltenheit. Ich fürchte, da musst du doch aufs Wasser oder mit dem Hubschrauber fliegen.

      Ein Fenster hatten wir. Was ein Glück!

  2. Wale sehen ist so toll. Ich hab 2005 Buckelwale in Neuseeland gesehen und bin schon einmal mit einem 14m langen Walhai geschnorchelt. Beides unglaublich schöne Erlebnisse.

    Was deine Toilette angeht, so kann ich das vielleicht noch toppen. War zwar nicht im Hotel *zum Glück*, aber war trotzdem ein Erlebnis. Schau mal die Toilette hier: http://www.karl-reist.de/die-unendliche-busfahrt-von-bagan-nach-mandalay-mit-kind/

    Viele Grüße, wir freuen uns auf den nächsten Bericht 🙂 vg, Nina

  3. Mein Freund und ich hatten mal ein ganz furchtbares Hotel. Wir sind Nichtraucher und es war ein Raucherzimmer. Soweit okay. Als wir reinkamen schlug uns ein Gestank entgegen das war der Wahnsinn! Wir wollten lüften – aber das Fenster konnte man nicht öffnen. Er musste erst mit einer Plastikkarte am Fenster entlang ratschen, wenn du verstehst was ich meine. In den Fluren fiel die Tapete beinahe herunter und alles hatte den Charme von einem Parkhaus. Wir sind dann eher abgereist als geplant.
    Ja Wale sehen ist schon was feines. Mache ich bestimmt auch wenn sich das anbietet.
    Lg, nao

  4. waale gucken war ich in Südafrika und an der Ostküste der USA. War beeindruckend. Aber es waren im Gegensatz zu deinem Fischlein.
    Unterkunft: In Laos zwischen Lunag Prabang und Vang Vieng. Eine Matratze auf dem Boden. Tolette und Dusche über dem Hof. Hände konnte man sich in einem Kübel neben der Toilette waschen. Hatte den Vorteil dass wenn ein Stehpinkler etwas zittert hast du lauwarmes Wasser. Vor der Toilette gabs dann noch einen Eimer zum Händewaschen vom Händewaschen.

    gruß
    herbb

    1. Oje. Nur in Laos hätte ich es evtl erwartet ( hatte mal eine ähnliche Situation in Jakarta), aber in Grönland eben nicht.
      Zumal die Hostels alle durchaus gut und relativ komfortabel waren

  5. Um deine Begegnung mit dem großen Wal beneide ich dich sehr. Zwar haben wir auch Wale gesehen bei Teneriffa, aber es waren halt nur kleine Grindwale. Trotzdem war das schon ein beeindruckendes Erlebnis. LG, Sigrid

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