Vom Tasermiut Gletscher über eine der steilsten Granitwände der Welt zum Lagerkoller

Tasermiut Gletscher

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Wieder werden wir am nächsten Morgen mit dem Zodiak abgeholt. Warm einmummeln, Kamera im Anschlag und los geht es zum Tasermiut Gletscher. Bereits von Ferne sehen wir die gigantischen Eismassen. Es schimmert weiß-türkis. Am oberen Rand halten sich Wolken, sodass wir nicht sehen können, wie hoch der Gletscher wirklich ist.

Doch das er groß ist, ist uns bereits jetzt klar. Noch klarer wird es, je näher wir kommen. Plötzlich komme ich mir sehr klein vor. Immer riesiger wird die Eiswand. Wir legen an der linken Seite an und entsteigen dem Boot. Bereits hier können wir Eisklümpchen sehen, die abgebrochen sind und zum Fjord kullerten.

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Anfangs halten wir alle weit Abstand vom Gletscher. Doch dann werden wir mutiger und nähern uns langsam dem Eis. Die Farben sind ein weiteres Mal einfach unglaublich.

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Dann lösen sich langsam die Wolken und Nunataks werden sichtbar. Nunataks nennt man Felsspitzen, die aus dem ewigen Eis heraus ragen.

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Wow! Wahnsinn! Das ist alles, was mir in diesem Moment dazu einfällt.

Die Farbkomposition von royalblauem Himmel zum Gletscherblau und -weiß, den grauen Schattierungen und den asphaltfarbenen Felsen, sowie der Duft nach Eis und Gletscherwasser – ein unvergessliches Erlebnis.

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Höhlen und Spalten durchziehen den Tasermiut. Es rauscht. Ein Fluss mit glasklarem, frischen Gletscherwasser wird sicht- und fühlbar. Kalt ist es, aber nicht so kalt, wie ich erwartet hätte.

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1400 Höhenmeter stürzt die Gletscherfront in den Fjord. Wie ein überdimensional- gefrorener Wasserfall. Zwischenzeitlich ziehen die Wolken wieder mehr zusammen und hüllen den Nunatak in einen mystischen Nebel.

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Jeder ist von der gewaltigen Natur überwältigt. Gegenseitig fotografieren wir uns vor der Eishöhle, als plötzlich mit lautem Getöse Eiskugeln den Wasserfall herunterfallen.

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Mit eiligen Füßen bringen wir uns in sichere Entfernung, denn niemand weiß, wieviel Eis hier jetzt gleich herab stürzen wird. Zum Glück waren es nur einige Eiskugeln.

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Wir begeben uns gemessenen Schrittes zum Schlauchboot zurück. Es zieht sowieso langsam rundum immer mehr zu. Tief beeindruckt hänge ich meinen Gedanken nach.

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Der Weg zum Camp ist nicht weit. Es liegt direkt am Tasermiut Fjord auf einer Anhöhe. Diese stellt sich bei näherer Betrachtung als höher heraus, wie es von der Ferne schien. Alle Dufflebacks, die Tagesrucksäcke und die blauen Proviantcontainer für die nächsten 3 Tage müssen bergauf geschleppt werden. Keine leichte Aufgabe, da der Untergrund sandig ist und man gefühlt immer drei Schritte vor und einen zurück macht.

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Das muss alles die Anhöhe herauf getragen werden

Tasermiut Fjord Camp

Kaum haben wir das ganze Gepäck oben, steht die nächste Aufgabe an. Diesmal müssen wir unsere Zelte selbst aufbauen. Das funktioniert gut und fix, nur sind nicht genug Heringe vorhanden. Die Seile werden kurzerhand mit gesammelten Steinbrocken fixiert.

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Malerisches Panorama am Ankunftstag

Danach treffen wir uns auf einem Felsen oberhalb der Zelte. Lunchtime! Diesmal gibt es eine Flasche Rotwein. A. und G. – ein Ehepaar aus Frankreich – sind Großeltern geworden und lassen uns daran teilhaben. Natürlich wird gratuliert und nachgefragt. Nachrichten in einem mehr oder weniger internet- und telefonfreien Land zu bekommen ist schließlich nicht so einfach.

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Ein Hoch auf die Großeltern, das Enkelkind und die frisch gebackenen Eltern fernab von Grönland

Nach dem Mahl folgen ein paar Instruktionen. Da wir (mal wieder) mitten im Nirgendwo sind und es keine sanitären Anlagen gibt, wird gebeten, die kleinen Geschäfte nicht neben den Zelten zu erledigen. Auch nicht nachts.

Für das große Geschäft gibt es diesmal außen neben dem Versorgungszelt einen Klappspaten. Mitnehmen, geschützten Platz suchen, Loch graben, sich erleichtern und dann alles zuschütten. Spaten wieder neben das Zelt stellen. Wir müssen lachen, denn ab jetzt weiß jeder, was man vorhat, wenn man den Spaten durch die Gegend trägt. 🙂

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Für heute gibt es kein Programm mehr. Jeder soll sich etwas ausruhen, da morgen und übermorgen „mittelschwere“ Wanderungen von ~ 5 Stunden anstehen. Trotzdem will natürlich die nähere Umgebung sondiert werden. Dabei entstehen obige Fotos.

Auch hier gibt es jede Menge Heidelbeeren. Der ganze Hang ist voll davon. Sie sind kleiner als bei uns, aber sehr fruchtig und strauchfrisch. Daraus könnte man leckere Marmelade machen…

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Ich genieße die ungetrübte Aussicht auf die steilen Granitfelsen des Ulamertorssuaq, der sogar höher als der Capitán im Yosemite NP in den USA ist. Er gilt als eines der 10 Wunder der Arktis. Auf der anderen Seite sind die Felswände des Nalumasortoq, zu dem die morgige Wanderung gehen soll.

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Geradeaus: Nalumasortoq, ganz links ohne Spitze: Ulamertorssuaq

In den folgenden Tagen treffen wir zwei Brüder, die den Felsen innerhalb von drei Tagen erklettert haben. Dabei haben sie in der Felswand am Seil hängend übernachtet. Und ich jammere schon über den fehlenden Komfort im Zelt? Ich mag mir nicht vorstellen, wie man im Seil hängend an der Felswand schläft…

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Ulamertorssuaq – Ein Paradies für Kletterer aus aller Welt

Was wäre gewesen, es hätte angefangen zu regnen oder zu stürmen? Mir erschließt sich der Spaßfaktor bei Nebel oder anderen unsteten Wetterverhältnissen nicht. Die Gefahren wären mir zu groß. Da muss man wohl schon sehr enthusiastisch sein. Allerdings sind die Brüder wohl kein Einzelfall.

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Da lümmel ich mich doch lieber mit Hasimausischatzibär in die Sonne, richte das Interieur unseres Zeltes für die Nacht her – 2 Isomatten für jeden, purer Luxus! – wage noch einen Spaziergang und warte auf den Sonnenuntergang.

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Wanderungen zum Nalumasortoq und Ulamertorssuaq – zum Scheitern verurteilt

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Schöne Aussichten…

Der nächste Morgen zeigt ein anderes Gesicht von Grönland. Das erste Mal ist es am Nieseln. Dort, wo man gestern noch Berge, den Fjord und den Wasserfall sah, hängen heute die Wolken. Entsprechend verhalten geht es bei Frühstück zu. Dennoch werden die Tagesrucksäcke gepackt, mit einem wasserdichten „Verhüterli“ überzogen, Regenjacke und -hose an und dann geht es los.

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Schnell stellt sich die mittelschwere Wanderstrecke als Herausforderung raus. Es geht über glitschige Felsen, durch morastigen Boden, durch Heidelbeerbüsche, die sich in die Schnürsenkel krallen und das alles bei zunehmendem Regen. Spaßfaktor? Richtung Abgrund unterwegs.

Ich bin sicher niemand der schnell aufgibt, aber ich stoße an meine Grenzen. Gilles legt zudem ein flottes Tempo vor, dem ich nicht folgen kann. Meine Füße schmerzen, der Knöchel meldet sich nach langer Zeit mal wieder. Ich falle immer mehr zurück. Teilweise sind die anderen Gruppenmitglieder gar nicht mehr sichtbar.

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Wir machen eine Rast unter einem Felsvorsprung. Ich kann nur noch heulen. Ich will es schaffen, aber es geht nicht. Nicht in diesem Tempo. Mein Hasimausischatzibär überredet mich, die Wanderung abzubrechen und mit dem zweiten Guide und ihm umzukehren. Schweren Herzens gebe ich auf.

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Ich bin froh, dass ich mich im Camp ausruhen kann. Schuhe aus. Mittagsschlaf. Stunden später kommen die Anderen durchnässt zurück. Wirklich zu sehen gab es nichts. Das Wetter war einfach zu schlecht.

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Ich entscheide mich, die Wanderung am Folgetag direkt zu canceln. Diese Schmach möchte ich mir nicht nochmal geben und außerdem will ich nicht, dass alle Anderen auf mich warten müssen.

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Hasimausischatzibär läuft am nächsten Tag mit. Er berichtet mir, dass es ebenfalls mehr als mittelschwer war und da der Regen und der Nebel nicht nachgelassen hat, war es ebenfalls verzichtbar.

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Da hinter den Wolken ist das spektakuläre Panorama – aha!

Die Stimmung ist getrübt. Langsam macht sich Lagerkoller bemerkbar. Auch ich reagiere gereizter als ich es möchte. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Das, was gestern noch als nette Anmerkung aufgenommen wurde ist heute ein persönlicher Angriff.

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Lagerkoller im Küchenzelt bei Regen

Hier merke ich, wie anders es doch ist, auf einmal nicht mehr allein zu reisen. Zum einen ist es meine erste Gruppenreise und die Rückzugsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Dazu kommt, dass man eben die vorgegebenen Segmente nicht verschieben kann. Sonst hätte ich sicher eher den Regentag zum Chillen genutzt und wäre an einem anderen Tag Zodiak gefahren. Zum anderen ist es seit Jahren das erste Mal, dass ich länger als ein Wochenende mit einem Partner verreise.

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Noch sind wir frisch liiert und in der Kennenlernphase und wir lernen uns direkt sehr intensiv kennen. Mit Ecken und Kanten und Macken. Das ist nicht leicht. Aber letztlich kriegen wir alles wieder in die Spur, denn wir reden in Ruhe nochmal miteinander, nachdem sich die Wogen geglättet haben.

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Taschen packen und weg vom Regenloch

Manche Fotos scheinen wildromantisch, aber so war es eben nicht die ganze Zeit. Trotzdem möchte ich keine Sekunde missen. Ich habe viel über mich und meine „Beziehungsfähigkeit“ gelernt.

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Am Weiterreisetag klart es auf. Die Stimmung bessert sich schlagartig. Jeder packt an. Das Gepäck zum Strand zu befördern ist auch weniger anstrengend, wie nach oben auf die Anhöhe.

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Einen Anlegesteg gibt es nicht, aber wenigstens die wasserdichten Anglerhosen

Die erste Woche ist herum. Wir wünschen uns für den Rest trockenes Wetter und gute Laune. Ob das geklappt hat, erfahrt ihr, wenn ihr die nächsten Berichte lest.

Ich freue mich über eure Anmerkungen, Kommentare, Kopfstreichler und „Mitleider“.

© DieReiseEule 9/2017

13 Kommentare zu „Vom Tasermiut Gletscher über eine der steilsten Granitwände der Welt zum Lagerkoller

  1. Liebe Reiseeule,
    wieder ein hochinteressanter Bericht – in Text und Bild. Für mich sind die Regen- und Nieselbilder auch wunderschön, wenn auch ich die unangenehme kühle Nässe geradezu spüren kann.
    Das ist wohl wahr, dass man sich selbst und den anderen in solchen Extremsituationen sehr gut kennenlernen kann. Diese Reise wird Euch sicher gut zusammenschweißen.
    Liebe Grüße
    Agnes

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  2. Liebe Reiseeule, das (im ersten Teil) sind die Bilder, auf die ich bei Deiner (schwarz-weissen) Ankündigung gehofft hatte! Dass es bei diesem Reiseziel auch einmal trübere Tage gibt, ist verständlich – und wie das auf die Stimmung drückt, ebenso! Liebe Grüsse, Miuh

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  3. Da soll noch einer behaupten, dass Eis weiß wäre …. HAMMERGEIL (sorry, aber mir fällt nix anderes ein 🙂 ) …. Genau für diese Problematik, die du schilderst, bewundere ich dich – dass hätte meinen Mann und mich in die Scheidung getrieben (und dass nach über 20 Jahren 😉 ) …. oder zumindest in Abgründe …. Ich freue mich sehr, dass es nach der Aussprache geklärt war. Und ja, das ist schon Hardcore, was du da erlebt hast …. aber landschaftlich traumhaft schön. Allein ohne sanitäre Einrichtungen ginge bei mir gar nicht 🙂

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    1. Wir sind ja direkt vor der Reise zusammen gezogen und während der Reise kam uns wohl beiden mal kurz der Gedanke, ob das eine gute Idee war, aber letztlich war es das und wir machen Pläne.
      Was soll uns jetzt auch noch schocken? 😀 😉

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