Flower Valley Narsarsuaq – Grönland

Wanderung ins Flower Valley

Tag 1 nach der Anreise. Mit dem Zodiak geht es nach dem Frühstück wieder über den Eriksfjord nach Narsarsuaq. Die Packsäcke bleiben im Boot. Nur mit Tagerucksack und Lunch ausgerüstet macht sich unsere Gruppe auf die Socken.  Wir werden am Ende der Straße abgesetzt. Ziel ist das Flower Valley und der Gletscher Qooqqup ( sprich: ko-logk).

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Das Flower Valley

Anfangs schlängelt sich der schmale Pfad sanft durchs Tal. Der Geruch der Alpenblumen versprüht ein zartes Aroma nach Rosen und Birke. Wir haben ein ganz schönes Tempo drauf. Guide Gilles hatte uns angekündigt, dass dies die steilste und schwierigste Route der ganzen Reise sein würde und er damit testen wolle, wie fit wir wären.

Grönland
Der anstrengende Anstieg wird mit diesem Panorama belohnt

Wir sehen seltsame Aufbauten und fragen uns, wozu diese sind. Die Erklärung liegt nahe: Grönlandforscher untersuchen hier die Bodenstrukturen und den Permafrost. Für Geologen muss Grönland ein Eldorado sein.

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Im Hintergrund sind schon die schneebedeckten Gipfel zu sehen

Wir wandern an Puschel- und Alpenblumen vorbei, waten durch morastigen Untergrund, folgen einen schmalen Bach, kraxeln den steinigen und sandigen Weg hoch und betrachten dort tintenblaue und smaragdgrüne, kristallklare Bergseen.

Alle lassen ihre Kameras und Handys klicken. Natürlich wollen wir den Moment einfangen. Noch erinnert alles an eine normale Bergwanderung. Bis wir um die nächste Ecke biegen und sich der Gletscher Qooqqup vor uns ausbreitet. Noch hängen morgendliche Nebelschwaden über dem ewigen Eis und verbreiten eine mystische Stimmung. Das Ausmaß des Gletschers, von dem wir nur einen Teilabschnitt sehen und die wahre Größe nicht mal erahnen können, lässt alle Geräusche verstummen. Kein Klicken, kein Atem sind zu hören.

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Qooqqup

Hinter dem Gletscher kommt nur noch das Inlandseis. 2800 Kilometer weiße Wüste. Unfassbar. Ehrfürchtig genießen wir den Anblick. Plötzlich komme ich mir ganz klein vor. Ein minimales Zahnrad im Kreislauf des Lebens. Worte sind schwer zu finden. Schweigen und den Gedanken nachhängen sind die besten Alternativen. Ob wir dort nur Sekunden oder doch minutenlang standen – wer weiß das schon. Es ist nicht wichtig.

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Die Stimme unseres Guide durchbricht die Stimmung. Gilles führt uns zu einem ruhigen Platz, wo der Lunch eingenommen werden soll. Klicken und Atmung sind wieder da. Glücklicherweise gibt es hier keinen Autoverkehr oder andere störende Geräusche, wenn man von einem Hubschrauber und einem Flugzeug im Landeanflug auf Narsarsuaq absieht, sodass wir die friedliche Atmosphäre noch eine Weile aufrecht erhalten können.

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Der Eriksfjord nimmt die Eisberge vom Qooqqut-Gletscher auf

 

Jeder fördert seine Speisen und Getränke aus dem Rucksack hervor. Unser erster, improvisierter Mittagstisch in der freien Natur. Viele weitere werden die nächsten Tage folgen. Es gibt Studentenfutter, Fischkonserven, Brot, Wurst, Käse, Tütensuppe, Tee…

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Lunch

Danach halten fast alle ein Mittagsschläfchen in der Sonne. Gibt es einen beeindruckenderen Ort dafür?

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Mittagsschlaf

Eine knappe Stunde später sind alle wieder wach. Selbstverständlich werden alle Reste und Verpackungen eingepackt. Müllvermeidung, sofern möglich. Die Gruppe möchte nun noch näher an den Gletscher heran geführt werden. Da ich vor kurzer Zeit Probleme mit den Bändern meines linken Knöchels hatte, verzichte ich auf den Abstieg. Ich will nicht gleich am ersten Tag etwas riskieren, zumal der steile Abstieg ins Flower Valley auf jeden Fall noch bewerkstelligt werden muss.

Die Tagesrucksäcke werden abgestellt. Wer sollte hier auch Interesse daran haben? In Grönland geht so schnell nichts verloren. Kriminalität ist – toi toi toi – kein Thema. Jeder hilft jedem. Meine Gruppe läuft im Gänsemarsch Richtung Eis, während ich die Stille und die Aussicht genieße.

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Eineinhalb Stunden für mich ganz allein. Eineinhalb Stunden Paradies. Klare, frische Bergluft und ein Konglomerat von grün-grau-bunten Farben erfreuen mein Herz.  Ein älterer Wanderer zieht wortlos an mir vorbei. Eine Gruppe, die auf Mehrtagestour unterwegs ist, sehe ich in der Ferne den nächsten Berg erklimmen.

Dann sind alle wieder da, wir schultern unser Gepäck und machen uns an den Abstieg.

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Steinmännchen gibt es auch in Grönland

Vor uns eine Familie. Der Vater hat sein Kleinkind in der Rückentrage. Ich hätte diesen Weg nicht mit Kind gewagt. Abschüssig, steinig, rutschig, teils bleiben die Füße in den Bodendeckern hängen. Sicher kein ungefährliches Unterfangen. Ich atme auf, als wir wieder im Tal sind und auch diese Familie ohne Blessuren dort ankommt. Haben die gar keine Angst zu stürzen?

Ich möchte ganz sicher kein Moralapostel sein, aber das Verhalten fand ich unverantwortlich. Und mit dieser Meinung stand ich nicht alleine da.

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Der Weg zurück zog sich. Mein Knöchel und meine Füße schmerzten. Ich konnte das Tempo nicht dauerhaft halten und fiel immer mehr zurück. Endlich kam die Straße in Sichtweite und ich zog meine Schuhe aus, um strümpfig zu laufen. Die Wanderschuhe, obwohl seit 2 Jahren eingelaufen, sind nicht mehr zum Aushalten. Ich bin froh und dankbar, als wir endlich am Abholpunkt auf unseren Jeep warten können.

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Abendstimmung am Eriksfjord

Dieser bringt uns zum Hafen, in dem inzwischen ein „Kreuzfahrtschiff“ ankert. Ein paar Passagiere waren uns auf der Straße entgegen gekommen. Mit dem Zodiak fahren wir nach Narsaq. Etwas mehr als eine Stunde Boot fahren. Kalt, aber gut, um die Gedanken Revue passieren zu lassen.

Bevor wir ins Hostel einquartiert werden, gehen wir noch ins Hotel Restaurant Narsaq. Dieses wartet extra auf uns, obwohl die Dinnerzeit überschritten ist (19 Uhr ist sonst Schicht im Schacht). Es gibt typische, grönländische Gerichte. Moskox Burger, Fischsuppe, Fish and Chips und ein hausgebrautes Bier.

Vorbei an meinem ersten grönländischen Kanaldeckel geht es danach in die Unterkunft und ins Bett. Morgen früh sollten wir alle den Luxus der Duschen nochmal nutzen – rät uns Gilles -, denn die nächsten Tage sind wir in der Wildnis und zelten. Und schwimmen im Eisfjord ist nicht das, wonach wir uns wirklich sehnen.

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Hat euch mein erster Tagebucheintrag gefallen? Es folgen noch mehr Berichte. Über Kommentare freue ich mich sehr.

© DieReiseEule 9/2017

9 Kommentare zu „Flower Valley Narsarsuaq – Grönland

  1. Ein schöner Bericht mit schönen Bildern. Ich war neugierig zu sehen, wie es im unteren Süden Grönlands aussieht und muss gestehen, ich bin schon ein bisschen ernüchtert, dass es beinahe dieselbe Landschaft ist, wie weiter im Norden. Ich dachte im Süden gibt es Bäume! 😀
    Egal, trotzdem ein tolles Wanderland. Die Natur wirkt am meisten, wenn man sie für sich hat. Und wo geht das besser, als in Grönland… 😉

  2. Genau das ist Grönland, ich kann es förmlich riechen! Wunderschöne Eindrücke hast du mitgebracht, aber wo sind die Mücken? Sag nicht, du hattest keine da oben 🙂

    1. Hallo Andrea,

      erstaunlicherweise waren in Narsarsuaq keine Mücken. Aber keine Sorge, die kamen noch scharenweise auf der weiteren Reise auf uns zu und ich war letztlich froh, diesen absolut unerotischen Mückenschutz dabei gehabt zu haben 😀
      LG Liane

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